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Auktionskataloge als kunsthistorische Quelle für Druckgraphik

Die Universitätsbibliothek Heidelberg hat über 10 000 Auktionskataloge in ihrem Bestand, die sie unter anderem im Zuge von Projekten digital bereitstellt. Nicht selten sind Exemplare handschriftlich mit informativen Notizen, wie Preisen oder gar den Namen von KäuferInnen versehen. Ursprünglich dienten diese Annotationen HändlerInnen und SammlerInnen dafür, den aktuellen Wert eines Kunstwerks auf dem Markt einschätzen und die eigenen Gebote in späteren Auktionen anpassen zu können.


Bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts notierte der Bamberger Sammler Joseph Heller (1798–1849) Zuschlagspreise, ja er recherchierte sie sogar rückwirkend durch den Erwerb bereits annotierter Kataloge, die lange vor seiner Zeit als aktiver Käufer entstanden. Die Preisentwicklung über mehrere Jahrzehnte publizierte er dann beispielsweise in seinem ab 1827 erschienenem Werkverzeichnis Albrecht Dürers (1471–1528). Bei dem Kupferstich Adam und Eva nennt er Auktionspreise von 1757 bis 1821. Dieses Vorgehen professionalisierte und etablierte sich im Laufe des folgenden Jahrhunderts unter anderem mit dem Erscheinen kunstspezifischer Periodika. Die 1930 gegründete Weltkunst veröffentlichte gar Preisberichte. Zum Eintragen in den Katalog.
Zu den gedruckten Objekt-Anpreisungen in Form knapper Katalogbeschreibungen gehört die Nennung namhafter Provenienzen, also ehemaliger BesitzerInnen, deren Sammlungen für Erstklassigkeit stehen. Bei nicht unikalen Kunstwerken aus dem Bereich der Druckgraphik, geben genannte Charakteristika indirekt Auskunft über Auflagenhöhen und liefern Indizien, um den Weg bestimmter Exemplare nachzuvollziehen.


Der Berliner Galerist und Kunsthändler Paul Cassirer (1871–1926) versteigerte 1918 die bedeutende Sammlung an Kupferstichen und Holzschnitten von Meistern des 15. bis 18. Jahrhunderts, die der Freiburger Sammler Vincent Mayer (1831–1918) zusammengetragen hatte. Als im ersten Teil Werke von Albrecht Dürer (1471–1528) in Auktion gingen, boten neben einigen PrivatsammlerInnen, zahlreiche KunsthändlerInnen, aber auch bis heute namhafte Museen, um ihre Dürer-Sammlungen zu vervollständigen. Ein Exemplar des Auktionskatalogs, das sorgfältig per Hand mit Preisen und KäuferInnen versehen ist, nennt unter anderem das Rijksprentenkabinet Amsterdam, das dänische und schwedische Nationalmuseum in Kopenhagen und Stockholm, aber auch inländische Sammlungen, wie das Kupferstichkabinett München, das Germanische Nationalmuseum Nürnberg sowie die Kunsthalle Hamburg. Nicht selten übertrafen die Gebote die vorab im Auktionskatalog angegebenen Schätzpreise.


Das Rijksprentenkabinet erwarb den laut Katalog „einzigen Zustand“ von Dürers sechstem Knoten (Inv.-Nr. RP-P-1919-1975), die Münchener Graphische Sammlung Das Schweißtuch von einem Engel gehalten. Letzteres befand sich Cassirers Beschreibung zufolge vormals in namhaften Sammlungen, darunter diejenige des Frankfurter Sammlers Heinrich Anton Cornill-D’Orville (1790–1875), die 1900 in Stuttgart versteigert wurde. Auch in diesem Katalog ist wiederum die Vorgängersammlung genannt. Ein Exemplar von Dürers Sebastian am Baume, das sich heute in den Kunstsammlungen der Stadt Nürnberg befindet (Inv.-Nr. St.N. 16735), stammt aus der Sammlung Mayers, wie der rückseitig aufgebrachte Sammlerstempel belegt. Dieser Kupferstich wurde jedoch nicht direkt aus Cassirers Auktion erworben, sondern erst 10 Jahre später bei einem Münchner Kunsthändler. Sogar ‚Ladenhüter’ können mithilfe von Auktionskatalogen ausgemacht werden. So zum Beispiel ein „vorzüglicher Abdruck” von Dürers um 1499 gefertigtem Kupferstich Der heilige Sebastian an der Säule aus der Sammlung Richard Fisher, der mit nahezu deckungsgleicher Beschreibung zwischen 1904 und 1911 immer wieder in Katalogen von Amsler & Ruthardt angeboten wurde.


Auktionskataloge, ob annotiert oder nicht, sind schon länger ein schätzbares Instrument für WissenschaftlerInnen, doch steigern sich Potenzial und Quellenwert mit fortschreitender und vertiefender digitaler Erschließung zusehends.

Kontakt
Dr. Franziska Ehrl
Universitätsbibliothek Heidelberg

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Albrecht Dürer

 

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