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Das Künstler-Vademecum der Allgemeinen Transportgesellschaft

Eine Quelle zu Ausstellungswesen, Kunstvereinen, Kunsthandel und Transport in der Weimarer Republik und in Mitteleuropa

Das Künstler-Vademecum wurde ab etwa 1909 bis in die 1930er Jahre von der Spedition ATG (auch ATEGE, Allgemeine Transportgesellschaft, vorm. Gondrand & Mangili m.b.H. in München) herausgegeben. Die Hefte erschienen jährlich und enthielten auf jeweils gut 50 Seiten ein auf „gesammelten offiziellen Berichte[n]“ [Vademecum 1920, S. 3] basierendes Verzeichnis der im betreffenden Jahr stattfindenden Kunstausstellungen, sowie konkrete Angaben zu Kunsthandlungen, Informationen über ständige und periodische Ausstellungen, Museen, Künstler-Genossenschaften und Kunstvereine – nicht nur in Deutschland, sondern auch in Amsterdam, Budapest, Paris, Prag, Wien oder Zürich.

Im Archiv der ehemaligen Ausstellungsleitung der Großen Kunstausstellung im Haus der Kunst München e. V. (heute: Künstlerverbund im Haus der Kunst München e.V.) befinden sich sechs Jahrgänge: 1920, 1921, 1925, 1928, 1929 und 1931 (nicht öffentlich zugänglich). Vier weitere Exemplare, die sich teils damit überschneiden (1928, 1930, 1932, 1933) befinden sich in der Neuen Galerie Graz. Nachgewiesene Exemplare sind nach jetzigem Wissensstand sehr rar; die Lücken der fehlenden Jahrgänge sollen nach Möglichkeit sukzessive geschlossen werden.

Die große Bedeutung der Künstler-Genossenschaften und Kunstvereine für ein lebhaftes und vielfältiges, überregionales Ausstellungswesen in der Weimarer Republik wird anhand der zahlreich aufgeführten ständigen und periodischen Ausstellungen im Vademecum nachvollziehbar – es liefert den interessierten Künstler:innen auf jeweils über 20 eng bedruckten Seiten alle relevanten Vorgaben wie etwa die zugelassenen Sparten, Einreichungsfristen, Jurierung, Versicherung, Höhe der Provision und Ausstellungsdauer. Häufig werden Ansprechpartner namentlich genannt – Museumsdirektoren, Geschäftsführer oder auch Künstler in ihrer Funktion als Vereinsvorsitzende oder Schriftführer. So werden im Vergleich mehrerer Jahrgänge Kontinuität und Wandel in verschiedensten Bereichen sichtbar.

Darüber hinaus lassen sich auch Veränderungen im Kunsthandel wie Firmenumzüge, Geschäftsauflösungen, Um- und Neugründungen sowie Personalien gut belegen. So wird zum Beispiel die Ständige Kunstausstellung in Herwarth Waldens Galerie „Der Sturm“ in Berlin in der Ausgabe von 1920 noch nicht näher spezifiziert, 1925 hingegen werden „Expressionismus, Kubismus und Konstruktivismus“ präsentiert [Vademecum 1925, S. 32]. Während dort 1925 auch Werke „der Baukunst, der vervielfältigenden Kunst sowie solche der Kleinkunst“  [ebd., S. 32"] zugelassen sind, werden 1928 in der nun als „Verlag Der Sturm G. m. b. H.“ firmierenden Kunsthandlung „Kopien und Kleinkunst sowie Werke der vervielfältigenden Kunst … nicht angenommen“ [Vademecum 1928, S. 35].

Die überwiegend knapp gefassten Informationen enthalten darüber hinaus Details zu den Geschäftsschwerpunkten der Kunsthandlungen und deren Ausstellungsbedingungen von der Feuerversicherung über die Jurierung bis zur Höhe der Verkaufsprovision. Manche Regularien gehen, anschaulich und praktisch, bis ins kleinste Detail – wie bei Eduard Schulte, Unter den Linden 75 in Berlin, der das „Gesamtbild störende Rahmen“ nicht akzeptiert und bei dem Transportkisten aus durchaus nachvollziehbaren Gründen „nur mit Schrauben (nicht Nägeln) geschlossen“ werden dürfen [Vademecum 1920, S. 39 und 40].

Von Interesse dürften auch Informationen zu wenig bekannten oder kurzlebigen Kunsthandlungen wie etwa dem Kunstkabinett Walter Kollock in Hagen [Vademecum 1925, S. 37] sein, die bislang selbst in einschlägigen Portalen kaum auffindbar waren oder nurmehr in lokalen Archiven und Stadtadressbüchern zu finden sind. So ergänzt das Künstler-Vademecum auf einzigartige Weise Informationen aus dem Archiv Werner J. Schweiger, aus Auktions- und Ausstellungskatalogen, und liefert zugleich eine jährlich aktualisierte Übersicht zu den wichtigsten Ausstellungen und Akteuren auf dem Kunstmarkt in Mitteleuropa.

Auch die graphische Gestaltung des Vademecums geht mit der Zeit und wird im Lauf der Jahre deutlich modernisiert: In der ersten Hälfte der 1920er Jahre prangt auf den in gedeckten Farben gehaltenen Umschlägen ein noch deutlich vom Jugendstil inspiriertes Logo über schnörkeligen Serifenschriften, umgeben von dekorativen, teils pflanzlichen Elementen, die allerdings bis 1925 immer sparsamer eingesetzt werden. Während der Fließtext im Wesentlichen gleichbleibend übersichtlich gestaltet ist, macht das Heft um 1928 einen gestalterischen Quantensprung in die Moderne: Das kartonierte Cover ist nun pink (in den Folgejahren mal leuchtend tomatenrot, mal tiefblau). Das veraltete Logo wird von einer kühnen Diagonale verjagt, und im Kontrast zu einer klaren Typographie akzentuieren, möglicherweise vom Bauhaus inspiriert, markant schwarze geometrische Formen wie Kreise und Balken das Deckblatt. Eine fette Futura ersetzt die Serifenschriften. Auch in den Folgejahren spielt die Graphik mit Einzügen, Aufzählungszeichen und Jahreszahlen, bis hin zu einem industriell anmutenden, schablonenartigen Logo aus Kreisen, Drei- und Vierecken in der Ausgabe von 1931.

Durch die jeweils am Heftanfang stehenden Informationen zu Sammelstellen und Spediteuren und die ganzseitig hervorgehobenen besonderen Angebote der ATG gibt das Künstler-Vademecum nicht zuletzt Einblick in ein so professionelles wie ausgeklügeltes kommerzielles Kunsttransportsystem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Spedition ATG wirbt in eigener Sache mit ihrem Lagerhaus im Münchner Hauptbahnhof „mit Schienengeleise nächst der Hackerbrücke“ und bietet den „verehrlichen Künstler-Vereinigungen“ die jederzeitige Nutzung eines Jury-Lokals in der nahegelegenen Schwanthalerstr. 69 an. Es stünden „eigene zahlreiche große Möbelkabinen“ zur Verfügung. Wer eilige Güter zu versenden hatte, konnte den Schnelldienst ins Ausland inklusive „Balkan-Staaten und überseeischen Ländern“ oder beschleunigte Verkehre in alle deutschen Großstädte nutzen [Vademecum 1920, S. 3-6]. Und bereits im Jahr 1925 [S. 5] wird die versprochene „prompteste Beförderungsart von Eil-, Expreß- und Passagiergütern“ um ein innovatives Verkehrsmittel erweitert: „Flugzeug-Transporte“.


Julia Reich

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