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Pixelforschung

Das digitale Bild ist der Adressat computergestützter Analysen. Denkbar für die direkte informationstechnologische Bildadressierung sind zunächst formale Kategorien. Einsetzbar für bildwissenschaftliche Fragestellungen sind etwa Computerprogramme, die die Farbe der Bilder erfassen – jenseits der Semantik, auch jenseits von Farbnamen. Lassen wir einmal Manets Gemälde "Bar in den Folies-Bergère" aus dem Jahr 1882 nicht der Gegenstand unserer Blicke und Gedanken sein, sondern seine digitalisierte Version das Ziel farbanalytischer Algorithmen. Der Computer berechnet für jedes einzelne Bildelement (picture element, Pixel) einen Farbwert. Programmiert ist die Aufgabe, ausgehend von intensivem Rot die Farben numerisch zu bestimmen.

Ein neues Bild entsteht. Es ist genuin digital. Die Farbwerte der einzelnen Pixel sind durch das Programm einsehbar. Auch Farbsummen und Proportionen der Farbwerte im gesamten Bild lassen sich nun bestimmen. Während die numerische Erfassung und Beschreibung der Bildelemente einzelne Pixel oder das gesamte Bild einbindet in den Vergleich mit den Zahlwerten anderer Bilder und big data-Forschung jenseits logozentrischer Kategorien von früher nicht zu imaginierendem Ausmaß forciert, so ist es doch auch möglich, den Pixelkosmos des Einzelwerks weiter zu erkunden. Pixelforschung lässt die Elemente im Bild auf der Grundlage informatischer Eigenschaftsextraktion miteinander vergleichbar werden.

Intensivere Rotwerte im Bild lassen sich durch Linien verbinden (siehe Abb.). Die folgenden patterns persistieren für sämtliche berechnete digitale Versionen des Gemäldes: Der Mund der Frau bildet die Spitze einer pyramidalen Disposition der röteren Farbwerte im Bild. Der rote Mund definiert zugleich die rotkompositorische vertikale Mittelachse des Bildes, eine Linie, die sich über den Mund zur Brust der Frau erstreckt, eine Blume wiederholt auf der Brust das rote Dreiecksschema, eine Form, die auch das Bildgesamt beschreibt.

Das forschende Auge des Menschen hat den Algorithmus der Maschine ergänzt. Grundlegend orientiert sich im vorgeführten Beispiel die Ordnung des Programms am menschlichen Sehen (Rot=Extremwert). Als physikalisch dominantere Werte lassen sich die Rottöne (Farbextreme) auch der impressionistischen Malerei potentiell als Signalfarben begreifen. Mit der Pyramidalkomposition und der Betonung der Mittelachse aber führt ausgerechnet das die Kontingenz des Augenblicks vergegenwärtigende, Chaos meinende impressionistische Gemälde Prinzipien der traditionellen idealistischen Malerei ein – auf farbformaler Ebene –, Schemata, die weniger der an klassischer Ikonographie geschulte Blick, als die radikale Blicklosigkeit der Maschine offenlegen.

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