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Archivrecherchen, Quellen- und Netzwerkanalysen: Erste Einblicke in das DFG-Projekt „ForNet – Fälschungen und Netzwerke“

von Jaap Geraerts, Henry Keazor, Demival Vasques Filho, Rebecca Welkens, Thorsten Wübbena

Im Sommer 2024 startete am Institut für Europäische Kunstgeschichte der Universität Heidelberg und dem Leibniz-Institut für Europäische Geschichte in Mainz in Kooperation mit der Universitätsbibliothek Heidelberg das DFG-geförderte Projekt „ForNet – Fälschungen und Netzwerke“. Nach etwas mehr als einem Jahr zeichnen sich im Projekt die ersten handfesten Beobachtungen ab, die sich aus dem Zusammenspiel von Netzwerkanalysen, Quellenanalysen und Archivrecherche ergeben. Sie bieten Einblicke in die Dynamiken des Internationalen Verbandes von Museen-Beamten, der sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf internationaler Ebene die Bekämpfung von Kunstfälschungen zum Ziel gesetzt hatte.

Analyse der Mittheilungen des Museenverbandes

Im Projekt wird die Zeitschrift Mittheilungen des Museenverbandes analysiert, die vom Verband herausgegeben wurde. Innerhalb der Mittheilungen wurde von den Mitgliedern des Verbandes in einzelnen Meldungen über Vorkommnisse von möglichen Fälschungen berichtet und es wurden Warnungen vor Fälscher:innen sowie zweifelhaften Akteur:innen auf dem Kunstmarkt ausgesprochen. Die Zeitschrift zirkulierte innerhalb des Verbandes und stand ausschließlich den Mitgliedern zur Verfügung, darüber hinaus waren die Informationen innerhalb der Mittheilungen als streng vertraulich zu behandeln.

In den vergangenen Monaten wurden die Mittheilungen im ForNet-Projekt systematisch analysiert, relevante Daten extrahiert und nutzbar gemacht. Unsere studentischen Hilfskräfte haben alle 813[i] Einzeleinträge der Mittheilungen in XML (Extensible Markup Language) transkribiert und die relevanten Informationen in semistrukturierte Daten überführt. Diese Daten werden in eine Graphdatenbank aufgenommen, um eine systematische Analyse der in den Mittheilungen enthaltenen Informationen zu ermöglichen. Darüber hinaus werden auf Grundlage der XML-Transkriptionen verschiedene Netzwerke erstellt (Abb.1). Einige dieser Netzwerke konzentrieren sich auf die Verbindungen zwischen den zentralen Entitäten in unseren Daten – den in den Mittheilungen erwähnten Kunstwerken, Institutionen und Personen – während andere Netzwerke die Mitglieder des Verbandes abbilden. Mithilfe der Netzwerke und den daraus resultierenden Visualisierungen werden spezifische Dimensionen des Verbandes sichtbar, die sonst verborgen bleiben würden, wie etwa Verbindungen einzelner Mitglieder und Institutionen zueinander oder Bewegungsprofile spezifischer Objekte. Zudem können über die Analysen Entitäten-Cluster identifiziert werden, die potenziell einer vertieften Untersuchung und weiterführender Archivrecherche bedürfen, wodurch die technischen und kunsthistorischen Komponenten des Projekts in einen direkten Dialog gebracht werden.[ii]


Die Verhandlungen des Museen-Verbandes

Parallel zur Erfassung der Mittheilungen wurde weiterführendes Quellenmaterial des Verbandes gesichtet und untersucht. Dazu zählen vor allem die sogenannten Verhandlungen des Museen-Verbandes – eine weitere Zeitschrift, die wie die Mittheilungen vom Verband herausgegeben wurde, nur in den internen Kreisen der Mitglieder zirkulierte und deren Herausgabe an Externe strengstens untersagt war. Heute haben sich von dieser Zeitschrift insgesamt 34 Ausgaben erhalten. In den Verhandlungen wurde mal sehr ausführlich, mal weniger detailliert über die in der Regel jährlich stattfindenden Konferenzen des Verbandes berichtet, bei denen alle Mitglieder die Möglichkeit hatten, zusammenzukommen und sich zu aktuellen Geschehnissen im Bereich der Kunstfälschung auszutauschen.

Der Aufbau der Verhandlungen folgte einem Muster: Zunächst wurde über die Mitglieder selbst berichtet – wem welches Amt innerhalb des Verbandes zukam, wer in den illustren Kreis eintrat, wer austrat und wer an den jeweiligen Tagungen anwesend war. Daran schlossen sich Zusammenfassungen vorgestellter Objekte, Diskussionen über dieselben, Meinungsbilder zur Echtheit von Objekten sowie eine Auflistung von Exkursionen zu besuchten Sammlungen und Museen im Anschluss an die jeweilige Konferenz an. Informationen zum Austausch über neue konservatorische sowie kuratorische Maßnahmen fanden ebenso Eingang wie Berichte über restauratorische Techniken nebst verbandsinterner Organisation, etwa zur Zahlung von Jahresbeiträgen.
 

Richard Stettiners Rolle in den Verhandlungen

Neben den Mittheilungen stellen die Verhandlungen die wichtigste Quelle für das Verständnis des Verbandes dar. Ihre Analyse dient somit als Basis für erste Einschätzungen hinsichtlich der Bedeutung einzelner Personen und davon ausgehend verschiedener Dynamiken. Als Beispiel sei der Kunsthistoriker und Denkmalpfleger Richard Stettiner (1895–1927) angeführt (Abb. 2), der bislang in kunsthistoriographischen Untersuchungen nur wenig Beachtung fand. Stettiner war von 1900 bis 1927 als Mitarbeiter von Direktor Justus Brinckmann (1843–1915) im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg tätig.[iii] Er wurde bereits im Jahr 1902 in den Verband aufgenommen, was als ungewöhnlich erachtet werden kann, da er entgegen den Bestimmungen des Verbandes für die Aufnahme von neuen Mitgliedern nicht Vorsitzender einer Institution und zudem erst zwei Jahre als Assistent für Brinckmann tätig war. Ausschlaggebend für seine Aufnahme war wohl seine enge Beziehung zu Brinckmann sowie seine damit verknüpfte unentbehrliche sowie unterstützende Position im Aufbau des Verbandes, der zu diesem Zeitpunkt gerade einmal vier Jahre bestand. So informiert Brinckmann in einem Rundschreiben an die Mitglieder von August 1902, kurz vor der nächsten Konferenz im September in Kopenhagen, über den Vorschlag, Stettiner als neues Mitglied aufzunehmen mit den folgenden Worten: „Dr. Richard Stettiner, Assistent am Hamburgischen Museum für Kunst und Gewerbe (Herr Dr. Stettiner hat die in §2 unserer Satzungen vorgesehene Befugniss zu Vertretung des Directors). Vorgeschlagen von H. Angst und Justus Brinckmann.“[iv] Einem solchen Vorschlag von Angst und Brinckmann als Gründer des Verbandes wurde natürlich seitens der anderen Mitglieder ordnungsgemäß stattgegeben, zumal Stettiner als direktoriale Vertretung benannt wird, was ihn auch offiziell zur Aufnahme befähigte. In anderen, ähnlichen Fällen konnte sich die Aufnahme von Assistenten allerdings problematischer gestalten, weshalb man Stettiners frühe Aufnahme in den Verband in Anknüpfung an die Autorität Brinckmanns und Angsts innerhalb des Verbandes sehen muss.

Stettiner bekleidete innerhalb des Verbandes wichtige organisatorische Positionen, wie aus den Verhandlungen hervorgeht. Ab 1903 führte er bis auf wenige Ausnahmen als Schriftführer das Protokoll der jährlichen Zusammenkünfte, kümmerte sich um die Finanzen, war mitverantwortlich für die Herausgabe der Verbandszeitschriften und pflegte das Archiv des Verbandes, das zu diesem Zeitpunkt in Anknüpfung an Brinckmann in Hamburg untergebracht war. Selbst nach dem Tod Brinckmanns im Jahr 1915 und der Wahl Otto von Falkes (1862–1942) als neuem Vorsitzenden des Verbandes, war Stettiner weiterhin für die oben angeführten Aufgaben zuständig. Naheliegend wäre es gewesen, das Archiv nach Berlin zu holen sowie auch die Herausgabe der Zeitschriften von dort zu organisieren, da von Falke als Direktor des Berliner Kunstgewerbemuseums nicht am selben Haus tätig war wie Stettiner. Doch dies geschah erst Jahre später und unter anderen Voraussetzungen, als Robert Schmidt (1878–1952), ebenfalls in Berlin tätig, 1934 zum vierten Mal die Position des Vorsitzenden bekleidete. Stettiner kümmerte sich bis zu seinem Tode 1927 von Hamburg aus um die interne Organisation des Verbandes.


Richard Stettiners Rolle in den Mittheilungen

Die ersten durchgeführten Netzwerkvisualisierungen zu den Autor:innen der Mittheilungen untermauern Stettiners zentrale Rolle: Neben Justus Brinckmann und Otto von Falke als Vorsitzende des Verbandes, sticht Stettiner als einer derjenigen Mitglieder heraus, die am häufigsten Einträge in den Mittheilungen verfassten (Abb. 3). Seine prominente Rolle innerhalb des Gefüges lässt die Vermutung aufkommen, dass Stettiner die inhaltliche Ausrichtung des Verbandes maßgeblich mitbeeinflusst haben könnte, schließlich bestimmten die besprochenen Themen in den Mittheilungen den Fokus auf einzelne mögliche Fälschungen, Fälscher:innen und zuweilen zwielichtige Händler:innen. Die Meldungen erlaubten den einzelnen Mitgliedern, weiterführende Überlegungen zu Objekten anzustellen, Maßnahmen zum Schutz zu ergreifen und letztlich aktiv in der Bekämpfung von Fälschungen zu werden. Inwiefern Stettiner aber tatsächlich auch geistiger Urheber der jeweiligen Meldungen war und nicht nur als Schriftführer ‚Überbringer‘ der Informationen Dritter, wäre im Detail zu prüfen. Dafür müssen die von ihm erstellten Meldungen untersucht und mit potenziellen Archivquellen abgeglichen werden. Da das schriftliche Archiv des Verbandes jedoch einem Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg zum Opfer gefallen und vermutlich verbrannt ist, gestaltet sich diese Aufgabe für die Zukunft nicht allzu einfach.[v] Erste Stichproben in verschiedenen Archiven lassen jedoch darauf hoffen, dass solche Dokumente, die zur Aufklärung der Dynamiken innerhalb des Verbandes beitragen, in einigen exemplarischen Fällen dennoch zutage gefördert werden können.

Ausblick

Das Beispiel zeigt, wie sich im Projekt Netzwerkanalysen und Quellenuntersuchungen gegenseitig ergänzen können, Ergebnisse bestätigen, aber ebenso neue Fragen aufgeworfen werden, die ein vertieftes Verständnis der Arbeit des Verbandes ermöglichen. In der ersten Visualisierung der Einträge der einzelnen Mitglieder stechen Namen hervor, die rege Meldungen in Mittheilungen machten, über die Analyse der Verhandlungen jedoch kaum in den Fokus geraten wären. In einem nächsten Schritt sind deshalb einzelne Cluster genauer zu untersuchen, um davon ausgehend gezielte Archivrecherchen vorzunehmen, die schließlich nicht nur über die beteiligten Personen, sondern vor allem auch über die besprochenen Objekte selbst Auskunft geben können. Weitere Analysen können sich zudem auf die Entwicklung des Verbandes und seiner Aktivitäten konzentrieren: Welche Arten von Objekten wurden in den Mittheilungen thematisiert, und wie veränderte sich dies im Laufe der Zeit? Lassen sich solche Entwicklungen mit der sich wandelnden Zusammensetzung der Verbandsmitglieder in Beziehung setzen? Und nicht zuletzt: Können einige der in den Mittheilungen behandelten Objekte lokalisiert werden? Mit anderen Worten: Durch die Zusammenstellung eines derart umfangreichen Datensatzes sowie durch die Durchführung von Archivrecherchen wird es möglich sein, neue Erkenntnisse über die Mitglieder des Verbandes, ihre Aktivitäten sowie über die Inhalte der Mittheilungen und der Verhandlungen zu gewinnen.


[i] Der letzte Eintrag der Mittheilungen trägt zwar die Nummer 812, allerdings besteht Eintrag 618 aus zwei separaten Meldungen (618a und 618b).

[ii] Für weiterführende Informationen zum Projekt, im Speziellen den Netzwerken und Visualisierungen siehe: https://dhlab.hypotheses.org/7237.

[iii] Gemeinsam mit dem Schweizer Museumsdirektor Heinrich Angst (1847–1922) gilt Justus Brinckmann als Gründer des Verbandes.

[iv] Rundschreiben des Verbandes, Hamburg, 10. August 1902, S. 1.

[v] Barbara Mundt: Museumsalltag vom Kaiserreich bis zur Demokratie: Chronik des Berliner Kunstgewerbemuseums, Köln/Weimar/Wien 2018, S. 305.

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