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Ein Fundstück - für Heinrich Dilly

Vor ein paar Tagen stieß ich auf eine wunderbare Passage, unser historisches Medium, die Diaprojektion betreffend. Ich dachte sofort, das musst du Heinrich Dilly mitteilen, dem Erforscher der kongenialen Entwicklung von Kunstgeschichte und Diaprojektion. „Bilderwerfer“ nannte er uns und unsere Apparate. Evidenzproduktion durch Lichtbilder sagt man heute dazu. Aber ich wusste im selben Moment, dass ihn diese Mitteilung nicht mehr erreichen kann. Ich bin mir sicher, er hätte diesen Text wie ein Präparat sich vorgenommen und mit leicht gekräuselter Miene seziert.

Ich will kurz vorausschicken, wie ich auf diese Stelle stieß. James Wood, der Literaturkritiker des New Yorker, “der letzte Kritiker”, wie ihn manche nennen, hat vor kurzem eine neue Sammlung seiner Buchkritiken publiziert und ihr ein Vorwort mitgegeben: „What is at Stake When We Write Literary Criticism?“ lautet der Titel einer geradezu bewegenden Einführung in die Berufskunde des Kritikers. Gegen Ende gibt er ein langes Zitat aus Virginia Woolfs posthum erschienener Biographie ihres Freundes Roger Fry (1866-1934). In Deutschland eher eine Non-Entity, in England der bekannteste Wegbereiter der Moderne – als Maler, Autor, Organisator, Galerist -  und Lecturer. Woolf beschreibt, wie ihr Gefährte aus Bloomsbury-Tagen nach dem Ersten Weltkrieg die Queen‘s Hall in London mit seinen winterlichen Vortragsreihen füllte. Die Queen’s Hall hatte ein Auditorium mit 2400 Sitzplätzen.  Medienarchäologisch auch von Interesse: Fry war der erste, der im Rundfunk über bildende Kunst und Design sprach, in zwölf Sendungen, die die BBC zwischen 1929 und 1934 ausstrahlte. Das Gebäude der Queen’s Hall wurde  1941 durch eine deutsche Brandbombe getroffen und nie wieder hergestellt. Im Mai 1940 waren bereits der Londoner Wohnsitz Woolfs und die Geschäftsräume der Hogarth Press durch deutsche Bomber zerstört worden. Das war genau die Zeit, in der Woolfs letztes Buch, die Biographie Frys, in Druck ging. Dort kann man über Fry, den Lecturer lesen:

But then, “Slide, please!” he said. And there was the picture – Rembrandt, Chardin, Poussin, Césanne – in black and white upon the screen. And the lecturer pointed. His long wand, trembling like an antenna of some  miraculously sensitive insect settled upon some “rhythmical phrase”, some sequence; some diagonal. And then he went on to make the audience see. The “gem-like notes”; the aquamarines; and topaces that lie in the hollow of his satine gowns; bleaching the light to evanescent pallors”. Somehow the black-and-white slide on the screen became radiant through the mist, and took on the grain and texture of the actual canvas.

All that he had done again and again in his books. But here there was a difference. As the next slide slid over the sheet there was a pause. He gazed afresh at the picture. And then in a flash he found the word he wanted; he added on the spur of the moment what he had just seen as if for the first time. That, perhaps, was the secret of his hold over his audience. They could see the sensation strike and form; he could lay bare the very moment of perception. So with pauses and spurts the world of spiritual reality emerged in slide after slide—in Poussin, in Chardin, in Rembrandt, in Cézanne—in its uplands and its lowlands, all connected, all somehow made whole and entire, upon the great screen in the Queen’s Hall. And finally the lecturer, after looking long through his spectacles, came to a pause. He was pointing to a late work by Cézanne, and he was baffled. He shook his head; his stick rested on the floor. It went, he said, far beyond any analysis of which he was capable. And so instead of saying, “Next slide,” he bowed, and the audience emptied itself into Langham Place.

For two hours they had been looking at pictures. But they had seen one of which the lecturer himself was unconscious—the outline of the man against the screen, an ascetic figure in evening dress who paused and pondered, and then raised his stick and pointed. That was a picture that would remain in memory together with the rest, a rough sketch that would serve many of the audience in years to come as the portrait of a great critic, a man of profound sensibility but of exacting honesty, who, when reason could penetrate no further, broke off; but was convinced, and convinced others, that what he saw was there. 

Ich habe eine längere Strecke Text gegeben, als Wood es tut, aber Woolf hat noch sehr viel mehr zu sagen über diese Vorträge und ihre Rezeption durch das Londoner Publikum, ein nicht-akademisches Publikation wohlgemerkt. Meine Quelle ist die Erstausgabe von Roger Fry. A Biography, London 1940, S. 261ff.  Hätte Heinrich Dilly diesen Text nicht neben die von ihm so prominent herausgestellte Schilderung gehalten, die Franz Landsberger von Heinrich Wölfflins Vortragsweise gibt? Das Datum ist 1924, gleichzeitig mit Frys Auftritt in der Queen‘s Hall.

Wölfflin, der freien Rede Herr, stellt sich ins Dunkel und zugleich seinen Hörern zur Seite, das Auge wie sie auf das Bild gerichtet. So wächst er mit ihnen zur Einheit zusammen, stellt er gleichsam den idealen Betrachter dar, in dem sich das allen gemeinsame Erlebnis zum Worte verdichtet. Eine Weile läßt Wölfflin das Werk in der Stille wirken, naht ihm nach dem Rate Schopenhauers wie einem Fürsten, wartend bis es ihn anspricht. Dann kommen die Sätze langsam, fast zögernd heraus. Wenn manche seiner Schüler gerade dieses Stockende seiner Redeweise nachahmen, so gewiß nicht aus äußerlicher Manier, sondern weil sie fühlen, daß diese Schwerflüssigkeit etwas Positives birgt. Wölfflins Rede weckt niemals den Eindruck eines Vorbereiteten, das auf das Kunstwerk als etwas Fertiges geworfen wird, sondern eines vom Bilde im Augenblick erzeugten. Dadurch bleibt dem Kunstwerk seine überragende Stellung erhalten. Die Worte überschwemmen es nicht, sie setzen sich nur wie Perlen daran

 

Aus Dillys Interpretation nur diese Passage:

Darin liegt wohl die Faszination kunsthistorischer Vorträge: Was auch immer gesagt wird, jede Reproduktion hat ihre, wenn auch nur auf einen allerersten Moment konzentrierte Epiphanie. Sie gewinnt den Effekt eines gelungenen Wurfs, eines schlagenden Treffers – einen ganz neuen Effekt, den Walter Benjamin nicht bedachte, als er über den Verlust des einmaligen Hier und Jetzt und die Ferne des Bildes schrieb.

 

Nachzulesen in: Die Bilderwerfer – 121 Jahre kunstwissenschaftliche Dia-Projektion, in: Hemke, Kai-Uwe (Hg.), Texte zur virtuellen Ästhetik in Kunst und Kultur. Ein elektronisches Handbuch, Weimar 1995, S. 134−164.

 

Aber sehr empfehlenswert auch die Schlussfolgerungen, die Wood aus dem Auftritt Roger Frys zieht:

https://www.newsbreak.com/news/0NqbfLsh/james-wood-what-is-at-stake-when-we-write-literary-criticism

Die Links lassen daran denken, dass mit dem Computer und PowerPoint das Ende der Diaprojektion kam. Was hätte uns Dilly über die neue Form der Wissenschaftskommunikation zu sagen, geboren in und erfunden für Corporate America?

 

 

 

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