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Feiern

Abb. 1: Franz von Stuck, Fackelzug zum 50. Geburtstag von Franz von Stuck, vor dessen Villa in München, Öl auf Leinwand, 1913

Abb. 2: William Turner, England: Richmond Hill, am Geburtstag des Prinzen, Öl auf Leinwand, 1819

Wann wird goldene Farbe in Gemälden auch begrifflich als "Gold" erfasst? Gehört dazu eine Vorstellung von Wert und Glanz? Wann sehen Betrachter in Bildern von Feiernden auch die "Gemeinschaft"? Gehört hierzu eine Vorstellung des Zusammenseins, eine bestimmte Qualität? Methoden kollaborativen Indexierens von Bildern gewähren Hinweise auf gewisse Gewichtungen. Exemplarisch folgt nun ein kleiner Auszug aus der Ikonographie des Feierns, des Geburtstagsfeierns, kombiniert mit Instrumenten der Datenanalyse von mittels crowdsourcing gewonnenen Bildbeschreibungen.



Feiern kann man so oder so. Farbformal ausgedrückt: z.B. „schwarz, rot, gelb“ oder „golden“. Der Geburtstagsfeier als Motiv etwa hat sich die bildende Kunst auf Weisen zugewandt, die einmal den „Mensch“ oder aber die „Menschen“, ja gar die Gemeinschaft in den Vordergrund zu stellen vermögen.

 

So visualisierte beispielsweise Franz Stuck die Feier seines eigenen Geburtstages im Jahr 1913 auf eine Art (Abb. 1), die subtil den Heros des Gefeierten ins Zentrum der Komposition rückt: Einzeln thront dieser auf dem Balkon, nahezu in der Mitte des Bildquadrats als dunkle Figur erscheinend, auratisch von Licht umfangen, die Kluft zwischen Gefeiertem und Feiernden bestimmt das Bild.

 

Der „Mensch“, die Daten des digitalen Attributionsspiels Artigo („Mensch“ als Attribution zum Gemälde Stucks) weisen hierauf, der Einzelne auf dem Balkon, bestimmt motivisch die Szene. Eine Masse an Feiernden ist zu sehen, deren "Gemeinschaft" wird begrifflich nicht erfasst. „Schwarz“, „rot“ und „gelb“ vergeben die einzelnen Tagger als Attributionen für das Gemälde, der Glanz der goldenen Farbe rückt kaum ins Augenmerk, bleibt begrifflich unerfasst.

 

Der Feierlichkeit bei „Richmond Hill, am Geburtstag des Prinzen“ (Abb. 2) widmete sich malend William Turner etwa 100 Jahre zuvor. Der Künstler zeigt den Gefeierten und die Feiernden als einheitliche Menge, ja sie sind optisch gerade nicht zu scheiden. Wählte Stuck das Prinzip der pyramidalen Disposition, das den Gefeierten von der feiernden Menge abhebt und trennt, so zeigt Turner die Feierlichkeit als Gemeinschaft, die sich bildkantenparallel horizontal in die Wärme der Landschaft fügt.

 

Die „Menschen“ sind es hier, nicht der einzelne „Mensch“, die thematisch das Bild bestimmen. Die Artigo-Daten erfassen für dieses Gemälde begrifflich die Menschen im Plural und immer wieder auch: die „Gesellschaft“, „Zusammenkunft“, „Gruppe“, „Begegnung“, das "Zusammen". Die Härte und Dominanz der Farben „schwarz, rot, gelb“ fehlt nun, rein gemäß Tagging-Verhalten. Farblich aber legt sich glänzend über das Glück der Feiernden an diesem Tag das - immer wieder laut Tagging-Verhalten auch begrifflich erfasste - Gold.

 

Weitere binäre Oppositionspaare (neben "Mensch / ¬ Mensch", "¬ Menschen / Menschen", "¬ Gemeinschaft / Gemeinschaft", "schwarz, rot, gelb / ¬ schwarz, rot, gelb", "¬ gold / gold") ließen sich nach der Analyse der Artigo-Daten und ihrer hermeneutischen Auslegung in Bezug auf das vorgestellte Bildpaar formulieren: die Nacht dem Tag, den Effekt des speziellen, herausgehobenen Augenblicks, die Künstlichkeit, das Konstruierte der Situation, das Geometrische auf der einen Seite der Natürlichkeit, dem Organischen auf der anderen Seite entgegenstellen, dem Kontrastiven wiederum den (auch farblichen) Gleichklang und die Harmonie der Menschen mit dem Lauf der Welt und dem Fluß des Lebens. Bei Stuck koinzidiert einzig der Mensch mit dem Licht und dem Feuer, entgegen der kalten, geistlosen Nacht der unbelebten Natur, als Triumph des Geistes - bei Turner fügen sich die Menschen mit dem All der Natur im Gleichklang zusammen.

 

Kunsthistorisch und ideengeschichtlich unterschiedliche Weisen, die Feierlichkeit des Geburtstages zu erfassen, münden in farbformal und bildkompositorisch kontroverse Schemata und Muster. Grelle Knallfarben, zentralistische Pyramidaldisposition und akkurate Symmetrie versus warmes Gold und die Horizontale, das organisch Angelegte. Diese farbformalen und bildkompositorischen Schemata und Muster sind durch die digitale Kunstgeschichte messbar und mathematisch zu artikulieren. Dies ermöglicht neue Herangehensweisen an, auch automatisierte und massenhafte, Bildvergleiche.

 

Die völlig unterschiedlichen Assoziationen aber, die durch die beiden Gemälde entstehen, lassen sich wohl nicht besser auf den Begriff bringen, als es die Artigo-Spieler getan haben: einmal ist es die Feierlichkeit für einen Menschen - und einmal eine Feier der Menschen.

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