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Die Klassifizierung des Menschen. Deutsche Fotothek und Staatliche Ethnographische Sammlungen Sachsen stellen 8.000 anthropologische Porträts online

Wer waren diese Menschen? Die Frau vom Volk der Groß-Andamaner, die Frau der Swahili, der Mann der Bamum oder die alten Männer der Ainu? In Vorder- und Seitenansicht, oft im Halbprofil, in festem Bildausschnitt und vor möglichst neutralem Hintergrund wurden sie von europäischen Wissenschaftlern fotografiert, um ihre systematische Vermessung und Klassifizierung zu ermöglichen.

Über 8.000 solcher anthropometrischer Fotografien können ab sofort im Portal „Weltsichten“ der Deutschen Fotothek recherchiert werden. Die wissenschaftliche Aufarbeitung der Bilder aus den Sammlungen der Deutschen Fotothek, des Museums für Völkerkunde Dresden und des GRASSI Museums für Völkerkunde zu Leipzig ist Teil des im August 2015 begonnenen Projekts „Weltsichten – Digitalisierung und Erschließung fotografischer Archive bedeutender Forschungsreisender“, das von der Deutschen Fotothek der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) und den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) im Rahmen der Initiative DRESDEN-concept mit finanzieller Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) durchgeführt wird. Insgesamt werden im Rahmen des Projekts rund 86.000 historische Aufnahmen aus den beteiligten Sammlungen auf www.deutschefotothek.de/weltsichten online gestellt.

Abb. 1 | Egon von Eickstedt, Frau der Groß-Andamaner, 1927/28
© Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Museum für Völkerkunde Dresden, SLUB/ Deutsche Fotothek

Abb. 2 | Egon von Eickstedt, Rabindranath Tagore, 1926/27 
© Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Museum für Völkerkunde Dresden, SLUB/ Deutsche Fotothek
Abb. 2 | Egon von Eickstedt, Rabindranath Tagore, 1926/27
© Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Museum für Völkerkunde Dresden, SLUB/ Deutsche Fotothek

Über die Dargestellten selbst lässt sich in den weitaus meisten Fällen wenig sagen. So kann bei der Frau vom Volk der Groß-Andamaner (Abb. 1) nur durch ihren Halsschmuck eine Witwenschaft vermutet werden. Die Porträts von Angehörigen der Onge und Groß-Andamaner von den indischen Inselgruppen der Andamanen waren für den deutschen Anthropologen Egon von Eickstedt (1892-1965), zusammen mit Messdaten von Körpergrößen und Kopfumfängen, dokumentarische Belege seiner Rassentheorien, die unter anderem die Ideologie der Nationalsozialisten maßgeblich beeinflussten. Während seiner Deutschen Indien-Expedition von 1926 bis 1929 und der Deutschen Ostasien-Expedition von 1937 bis 1939 erforschte er vorrangig ethnische Minderheiten, die sich seiner Ansicht nach in einem primitiven Entwicklungsstadium befanden. Die Groß-Andamaner charakterisierte von Eickstedt am 18.12.1927 in seinem Tagebuch folgendermaßen: Sie haben „sehr oft längliche Gesichter [und] höhere Nasen“ als die Klein-Andamaner. Zudem wiesen sie einen „gröss[eren] schlankeren Wuchs u[nd] feinere Züge auf[…] als letztere.“ Solche Rassenunterschiede suchte der Anthropologe auch im Vergleich mit Porträts von Angehörigen höherer, seiner Ansicht nach zivilisierterer Kasten der indischen Gesellschaft, so dass sich unter anderem anthropometrische Porträts des bengalischen Dichters und Nobelpreisträgers Rabindranath Tagore (1861-1941, Abb. 2) finden, ein Angehöriger der Brahmanen und laut von Eickstedt einer „der bedeutendsten lebenden Inder“.

Abb. 3 | Karl Weule, Frau der Swahili, 1906/07
© Staatliche Kunstsammlungen Dresden, GRASSI Museum für Völkerkunde zu Leipzig, SLUB/ Deutsche Fotohek

Die anthropologische Porträtfotografie, die in Egon von Eickstedt ihren vermutlich letzten großen Vertreter fand, nahm schon während der Erforschung der deutschen Kolonien eine bedeutende Rolle ein. So war die Frau der Swahili (Abb. 3), die der deutsche Geograph und Ethnologe Karl Weule (1864-1926) 1906 im Hof des Handelshauses „Traun, Stürken und Devers“ in Daressalam fotografierte, dem Verwaltungssitz der Kolonie Deutsch-Ostafrika, vermutlich eine Prostituierte. Weules dokumentarische Aufnahmen der Bevölkerung im südlichen Tansania sind weitaus nachlässiger komponiert als diejenigen von Eickstedts. Oft halten die Porträtierten ihre Köpfe schief, nicht selten sind Helfer zu sehen, die das weiße Laken für den neutralen Hintergrund halten. Aufgenommen wurden die Bilder im Rahmen der Deutschostafrika-Expedition von 1906 bis 1907, die den damaligen Direktor des GRASSI Museums für Völkerkunde zu Leipzig während des Maji-Maji-Krieges in Begleitung deutscher Kolonialsoldaten in den Süden Tansanias führte. Auch deshalb müssen sie in ihrem kolonialen Entstehungskontext gesehen werden.

Abb. 4 | Rudolf Oldenburg, Mann der Bamum, 1907/13
© Staatliche Kunstsammlungen Dresden, GRASSI Museum für Völkerkunde zu Leipzig, SLUB/ Deutsche Fotohek
Abb. 4 | Rudolf Oldenburg, Mann der Bamum, 1907/13
© Staatliche Kunstsammlungen Dresden, GRASSI Museum für Völkerkunde zu Leipzig, SLUB/ Deutsche Fotohek

Die Fotografien des österreichischen Afrikaforschers und Händlers Rudolf Oldenburg (1879-1932) entstanden zwischen 1901 und 1913 in den Kolonien Französisch-Guinea und Deutsch-Kamerun. Sie sind Zeugnisse der europäischen Kolonialgeschichte, entstanden jedoch mit kommerzieller Intention. Der Leiter der Deutschen Kamerun-Gesellschaft war einer der wichtigsten Vertreter der wirtschaftlichen Interessen der Kolonialmacht Deutschland in Westafrika. Das Porträt des Mannes der Bamum (Abb. 4) gehört zu einer Reihe teilweise exotisch anmutender Bildnisse, die Oldenburg vorrangig für den Verkauf an Sammler und Museen erstellte.

Wie verschieden die Intentionen hinter den Bildern waren, zeigen Aufnahmen des polnischen Ethnologen Bronisław Piłsudski (1866-1918), die auf Sachalin und im Amur-Land zum Zwecke ethnografischer Forschungen entstanden. Aufgrund seiner mutmaßlichen Beteiligung an der Vorbereitung eines Attentats auf Zar Alexander III. wurde er zu 15 Jahren Zwangsarbeit auf der Insel im Fernen Osten Russlands verurteilt. Dort gelangen ihm eindrucksvolle Porträtaufnahmen, die eine vertrauensvolle, beinahe intime Nähe zu den Dargestellten erahnen lassen (Abb. 5). Die Fotografien gehören zu den letzten Zeugnissen der Ainu-Kultur auf Sachalin, bevor die Insel durch japanische Truppen besetzt wurde. Einige sind bemerkenswert aufgrund der Verwendung eines Atelierhintergrundes mit einer Architekturstaffage, wie sie in Fotoateliers der Zeit zum Einsatz kamen, anstelle der sonst üblichen neutralen Hintergründe.

Abb. 5 | Bronisław Piłsudski, Männer der Ainu, 1896/1905
© Staatliche Kunstsammlungen Dresden, GRASSI Museum für Völkerkunde zu Leipzig, SLUB/ Deutsche Fotohek

Die anthropologischen Aufnahmen der europäischen Forschungsreisenden aus der Zeit von 1870 bis 1960 verdeutlichen, ebenso wie die geografischen, geologischen und ethnografischen Motive der Bestände, das ausgeprägte Interesse für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklungen in außereuropäischen Regionen der Welt im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Als historische Dokumente einer zunehmenden Globalisierung zeigen viele dieser Bilder zudem die Folgen des europäischen Kolonialismus. Das Erschließungsprojekt „Weltsichten“ ermöglicht somit eine kritische Auseinandersetzung mit eurozentrischen Betrachtungsweisen und eröffnet zugleich multiperspektivische Sichtweisen auf die Welt. Die heutige Relevanz, die das Genre der anthropologischen Porträtfotografie etwa für die zeitgenössische Kunst hat, zeigt beispielsweise das Fotografieprojekt „There´s a Place in Hell for Me and My Friends“ des südafrikanischen Fotografen Pieter Hugo, welches die fotografische Konstruktion von Rassenstereotypen auf Basis formaler Vorgaben infrage stellt. Anknüpfend daran bieten die derzeit über 8.000 Aufnahmen in der Bilddatenbank der Deutschen Fotothek die einmalige Möglichkeit einer kritischen und systematischen Neusichtung der Geschichte dieses besonderen fotografischen Genres auf breiter empirischer Grundlage.

Literatur
- Egon von Eickstedt, Der Stammbaum von Rabindranath Tagore, in: Archiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie, 20. Band, München 1927, S. 3-16.
- Lydia Icke-Schwalbe, Die deutsche Indien-Expedition auf die Andamanen-Inseln 1927-1928, in: Claus Deimel (Hg.), Jahrbuch der Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen, Band XLVI, Leipzig 2013, S. 279-326.
- Ralf Beil, Uta Ruhkamp (Hg.), Pieter Hugo. Between The Devil And The Deep Blue Sea, München 2017.

Mario Kliewer ist Historiker und seit 2015 wissenschaftlicher Mitarbeiter im DFG-Projekt „Weltsichten – Digitalisierung und Erschließung fotografischer Archive bedeutender Forschungsreisender“ an der SLUB/ Deutsche Fotothek. Er hat zum Thema „Sächsische Hoflieferanten für exquisite Nahrungsmittel um 1900“ promoviert und arbeitet zu Fotografie- und Kolonialgeschichte.

 

 

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