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Die Einschläge kommen näher

Automatische Kunstgeschichte

An der Rutgers Universität beschäftigen sich Informatiker (der und der) mit Kunst. Die Tatsache, dass es davon nicht sehr viele gibt, lässt aufhorchen, denn gäbe es mehr, dann ginge es wohl noch viel schneller (und bedrohlicher?) voran. Konkreter gesagt, versuchen diese Informatiker eine automatische Künstleridentifikation (außerdem wollen Sie Gattung und Stil automatisch identifizieren) rein auf der Basis der elektronisch ausgewerteten Bilddaten. Sie widmen sich damit also einem Geschäft, das traditionell zu den vornehmsten Aufgaben der Kunstgeschichte gehört. Und zwar tun sie dies erstens auf der Basis von hunderten unterschiedlicher Kriterien, die von einfachen Farbschemata bis hin zu komplexen semantischen Identifikationen über Feature Extraction reichen; und zweitens lassen sie die Rechner lernen und immer besser werden, indem sie ihnen "Futter" anbieten, dessen Klassifikation ihnen bekannt ist.

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 Kenner werden wissen, welches der Slevogt und welches der Liebermann ist

Man sieht: Das Geschäft wird entschieden durch die Tatsache befördert, dass zuletzt große maschinenlesbare Sammlungen von Kunstbildern (also Bilddatenbanken) entstanden sind. Die Ergebnisse sind schon jetzt, in einem sehr frühen Stadium, ermutigend, zumindestens, wenn man den Autoren glauben will, die sich in dieser Studie dazu äußern: In der Hälfte aller Fälle ist die Zuschreibung richtig. Ermutigend, aber auch beunruhigend. Denn wer jetzt meint, dass die schwierigen, zu der anderen Hälfte gehörenden Fälle ja nun gerade einmal der kunsthistorischen Kompetenz bedürfen, der hat natürlich einerseits recht, aber diese Hälfte dürfte kleiner werden und schon in relativ kurzer Zeit nur noch bei einem Viertel liegen. Und so weiter. Ansonsten ist es hier wie immer im Bereich der digitalen Kunstgeschichte: Reine Faktenidentifikation werden wir immer mehr an den Computer abgeben (müssen). Aber bei deren Interpretation dürfte der Mensch noch eine Weile im Vorteil sein - wenn nicht sogar auf Dauer. Im übrigen sind auch die falschen Zuschreibungen des Computers von Interesse, denn sie sind nicht willkürlich falsch, sondern scheinen vor allem Werke zu identifizieren, die dem richtigen immerhin ähnlich sind - ein Beweis für die grundsätzliche Relevanz des Mediums, dessen Präzision eben nur noch zu steigern ist. Zum Beispiel können auf diesem Weg Netzwerke von ähnlichen Kunstwerken erstellt werden, die zudem noch je nach Gewichtung der einzelnen Kriterien unterschiedlich zu definieren sind. Ähnlichkeit nämlich ist ein schillernder Begriff, zu dem Begriff der Ähnlichkeit würde ich mir ja mal einen Sonderforschungsbereich wünschen!

3 Comment(s)

  • Stefan Bartilla
    21.06.2015 17:04
    Zukunftsfragen

    Die Ergebnisse solcher Algorithmen sind vielleicht noch trivial, aber wenn sich Informatiker darum bemühen, werden sie besser und besser werden. Das gleiche gilt für Übersetzungsprogramme und irgendwann kann man durchschnittliche Doktorarbeiten vielleicht auch von Programmen schreiben lassen. Es gibt auch ein europäisches Forschungsprojekt zu einer Simulation des Gehirns, ob und was das bringt, weiß keiner so genau. Dafür gibt es wiederum andere, die meinen, in sechzig Jahren erreichen Computer eine Superintelligenz, was radikale Folgen haben könnte.
    http://www.zeit.de/campus/2015/03/kuenstliche-intelligenz-roboter-computer-menschheit-superintelligenz
    Zumindest ein kluger Mensch meint auch, dass das Internet in den nächsten fünfzig Jahren zusammenbrechen könnte.
    http://www.scilogs.de/gedankenwerkstatt/offline-wann-stirbt-das-internet/
    Was auch passieren mag, für Kunsthistoriker sind das keine großen Zeiträume, wir beschäftigen uns zumeist mit Dingen, die ziemlich alt sind. Dass sich außerhalb unserer schönen "Kunstblase" etwas zusammenbrauen könnte, scheint noch nicht sehr in die Wahrnehmung des Faches eingedrungen zu sein.







  • Hubertus Kohle
    16.06.2015 14:24
    Sehr richtig

    ... aber das Argument zeigt doch auch, dass man solche Sachen in seine Vorstellung von der Zukunft des Faches mit einbauen sollte und sie besser nicht einfach links liegen lässt!

  • Johannes Grave
    15.06.2015 18:57
    Materialität

    Vielen Dank, lieber Herr Kohle, für den Hinweis auf diese Entwicklung, die uns in der Tat interessieren und beschäftigen sollte. Allerdings bleibt im Feld der 'Gegenstandssicherung' wohl auch weiterhin einiges für das kunsthistorisch geschulte Auge zu tun. Mit der Wahl Ihrer Bildbeispiele deutet sich ja bereits an, was vorläufig(?) durch die Analyse von Digitalisaten kaum befriedigend zu erfassen sein wird: die spezifische Materialität der Bilder. Dass Slevogts Assuan-Bild ein Ölgemälde ist, während Liebermann seinen Strand im Pastell ausgearbeitet hat, verweist auf Unterschiede, die auch für Zuschreibungsfragen relevant sein dürften (weil zum Beispiel ein Liebermann-Pastell eben nicht zwangsläufig einem Liebermann-Ölgemälde gleicht).
    Insofern würde ich die jüngsten Entwicklungen eher als eine Anregung verstehen wollen, die Kompetenzen der Kunstgeschichte für Fragen der Materialität wieder zu stärken. Eine geschärfte Sensibilität für die Spezifik und Eigenlogik von Materialien, Techniken etc. scheint aber ohnehin geboten angesichts aktueller theoretischer Diskussionen in den Humanities, die den Eigensinn von Dingen und die Eigenlogik von Materialität oder Sinnlichkeit hervorheben. Wenn es uns gelänge, in diesen Fragen unsere praktischen Kenntnisse und Kompetenzen einerseits und die theoretischen Diskurse andererseits auf Augenhöhe ins Gespräch zu bringen, wäre viel erreicht - auch mit Blick auf eine selbstbewusste Haltung zu den Chancen und Herausforderungen der Digital Humanities.

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