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Wer sammelt, ‚Bibliothek oder Benutzer’? Fragen zum DFG Förderungsprogramm für Bibliotheken, ‚Fachinformationsdienste für die Wissenschaft’

In einem bemerkenswerten Artikel in der FAZ hat neulich der LMU Ordinarius Martin Schulze Wessel (Vorsitzender des Verbands der Historiker und Historikerinnen Deutschlands) eine Reihe von analytischen und kritischen Fragen zum Forderungsprogramm der DFG für Bibliotheken, ‚Fachinformationsdienste für die Wissenschaft’ (FID), formuliert und zur Diskussion gestellt (8.04.2015, S. N 4, Forschung und Lehre: „Sammeln für die Interessen von morgen“). Dieses Programm soll im Laufe der nächsten Jahre das langjährige System der Sondersammelgebiete (SSG) ersetzen, bei denen jeweils eine Bibliothek schwerpunktmäßig für einen bestimmten Wissenschaftszweig sämtliche verfügbare Fachliteratur zu erwerben anstrebt (wie, z.B., für die Kunst, UB Heidelberg und SLUB Dresden). In der Analyse von Schulze Wessel hat das System (SSG) die Funktionen einer weltweit sammelnden Nationalbibliothek in Deutschland weitgehend erfüllt – wie die Nationalbibliotheken in Paris, London und Washington.

Nationalbibliothek: 
„Diese Funktion übernahm in Deutschland seit sechzig Jahren ein Netzwerk von Staats- und Universitätsbibliotheken, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft beim Aufbau von ‚Sondersammelgebieten’ unterstützt wurden. Man erwarb arbeitsteilig nach verschiedenen disziplinären und regionalen Gesichtspunkten weltweit Literatur (...).“

 „Jedes wissenschaftliche Buch, das irgendwo auf der Welt erschien, war in mindestens einem Exemplar in Deutschland vorhanden und konnte durch Fernleihe oder elektronische Dokumentlieferung an jede noch so kleine Universitätsbibliothek in wenigen Tagen oder Stunden geliefert werden.“

So konnte durch bibliothekarische Kooperation den Vorsprung der ausländischen Nationalbibliotheken ausgeglichen werden. Mit der Zeit sind jedoch Probleme mit dem System der Sondersammelgebiete aufgetaucht. Immer mehr Bücher werden publiziert; der Anspruch auf Vollständigkeit rückte immer weiter in die Ferne. Die Sondersammelgebiete wurden immer zahlreicher: am Ende 110 SSG in 36 Bibliotheken. Entweder Reformen oder ein neues System.

„An die Stelle der alten Sondersammelgebiete sollen neue Fachinformationsdienste (FID) treten. War es das Kernanliegen des alten Systems, durch einen umfassenden Bestandsaufbau nach einheitlichen Kriterien auf möglichst alle Anfragen aus der Wissenschaft reagieren zu können, so kehrt das neue System die Rollen um: Die Wissenschaft selbst soll künftig ihre Erwartungen und aktuellen Bedürfnisse artikulieren; den Bibliotheken wird der enge Austausch „mit bedeutenden Forschungsverbünden im jeweiligen Fachgebiet“ nahegelegt.”

Dass das FID-System die Funktionen einer Nationalbibliothek erfüllen könnte, glaubt Schultze Wessel nicht. Ob die geplanten FID-Bibliotheken „künftig die in Deutschland fehlende international sammelnde Nationalbibliothek ersetzen können, muss man aber bezweifeln.“

 “Welche Themen künftig relevant sein werden, wissen wir nicht”:
Martin Schulze Wessel sieht die Notwendigkeit einer annähernd vollständigen Sammlung aufgrund der Bedürfnisse zukünftiger Forschungsfragen. „Literaturbeschaffung hat langfristige Folgen: Was heute nicht gekauft wird, ist künftig nicht vorhanden und lässt sich nur selten nachträglich erwerben. Die Angebotsorientierung der Fachinformationsdienste ist der Arbeitsweise der Geschichtswissenschaften gerade entgegengesetzt. Diese leben vom Paradigmenwechsel; was heute bedeutsam erscheint, kann morgen irrelevant werden. (...) Nur die formalen Auswahlprinzipien der alten Sondersammelgebiete erlauben es, Literatur vorsorglich zu erwerben. Die Dynamik in den Geisteswissenschaften hängt paradoxerweise von statischen Bedingungen ab: von der Verlässlichkeit und Vollständigkeit der Literaturversorgung – von der nun aus den DFG-Richtlinien verbannten Tätigkeit des Sammelns.“

„Aber ist auch für die anderen Fächergruppen eine angebotsorientierte Literaturbeschaffung überhaupt im nationalen Rahmen zu organisieren, ohne dass wichtige langfristige Bedürfnisse übersehen werden? Literaturbeschaffung auf Zuruf funktioniert im überschaubaren Rahmen von Seminarbibliotheken, manchmal auch in Universitätsbibliotheken, aber schwerlich bundesweit.“

Probleme die aus dem Zwang der „Profilschärfung“ der FID entstehen:
Unter anderem, „Die Bibliotheken bewerben sich mit ihren Fachinformationsdiensten und können scheitern. In der ersten FID-Begutachtungsrunde wurden acht von dreizehn Anträgen abgelehnt, (...) mit der Folge der Abbestellung von Zeitschriften und Literatur. Ein komplexes System von Infrastrukturen nicht solidarisch und planend, sondern in Wettbewerb von Anträgen zu organisieren könnte funktionieren, wenn es ein konkurriendes Interesse der Bibliotheken gäbe, also mehrere Anträge für ein Fachgebiet. Es geht aber um einen Service, den die Bibliotheken durch Literaturerwerb und –erschließung für fachliche Interessen in Deutschland leisten. (...) Die logische Folge: jeder abgelehnte FID-Antrag führt zu einem Torso in der Literaturbeschaffung.“

Die e-only-policy des FID-Programms: 
Mit FID will die DFG den Zugang zu einschlägigen elektronischen Ressourcen verbessern. Dies bedeutet, dass beim Vorhandensein einer elektronischen Ausgabe diese lizenziert wird und nicht ein Exemplar der Druckausgabe für den Bestand erworben werden soll. Martin Schulze Wessel bespricht weiter die Widersprüche und Ambivalenz der DFG-Richtlinien in Sachen e-only-policy.

„Auf der einen Seite wird betont, dass bei der „Gewichtung unterschiedlicher Literaturgattungen und Medienarten“ eine „systematische Rückkoppelung zwischen Fachinformationdienst und Wissenschaft“ zu etablieren sei. (...) Auf der anderen Seite führt die DFG in den Richtlinien aber den Begriff der „e-only-policy“ ein.“

Dies führte zu erheblichen Missverständnissen: „Tatsächlich beabsichtigt die DFG nicht, nur noch den Erwerb von e-Medien zu fördern. Die digitale Form der Veröffentlichung ist aber, sofern vorhanden, nach den FID-Richtlinien stets zu bevorzugen.“ Es gibt u. a. viele ungelöste Probleme mit der Lizenzierung, so „e-only heißt eigentlich e-whenever-possible“.

„Dennoch zieht sich der Begriff der e-only-policy wie ein Mantra durch die Richtlinien, und den potentiellen Gutachterinnen und Gutachtern der FID-Anträge wird die Frage aufgegeben: „Überzeugen die geplanten Schritte zur Berücksichtigung der e-only-policy?“ Der Kampbegriff „e-only-policy“ wird seine Wirkung tun.“

Fazit:
„Zweifellos ist das alte System der Sondersammelgebiete zu reformieren, dabei müssen Strukturen für die Nutzung digitaler Medien geschaffen werden. Niemand kann erwarten, dass alle damit verbundenen technischen und rechtlichen Problemen von vornherein abzusehen sind. Doch ist es an der Zeit, über die nicht intendierten negativen Folgen der Umstellung zu diskutieren. Und es sollte auf den Gestus der forcierten Modernisierung verzichtet werden (...): Das Sammeln von Literatur, das von formalen Kriterien geleitet wird und nach Vollständigkeit strebt, entspricht nicht nur einer jahrhundertelangen Bibliothekstradition, sondern auch dem Interesse der Geisteswissenschaften.“


Zu Martin Schulze Wessel:
 http://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Schulze_Wessel

Es scheint als ob die DFG gegen die mangelnde Akzeptanz digitaler Publikationsformen noch wirken will, nach dem Motto „Die digitale Transformation weiter gestalten“.

Zur Überführung der Sondersammelgebiete in das Förderprogramm „Fachinformationsdienste für die Wissenschaft“:
http://www.dfg.de/foerderung/programme/infrastruktur/lis/lis_
foerderangebote/fachinformationsdienste_wissenschaft/ueberfuehrung_
sondersammelgebiete/index.html

arthistoricum.net wird durch die DFG gefördert: arthistoricum.net - Fachinformations-dienst Kunst: Im Rahmen des neuen DFG-Programms "Fachinformationsdienste für
die Wissenschaft" bauen die beiden Partnerbibliotheken ihre bestehenden Angebote zu einem gemeinsamen Fachinformationsdienst Kunst aus.

Siehe auch: http://www.dfg.de/service/presse/pressemitteilungen/2013/pressemitteilung_nr_54/ Ein Blog-Beitrag zum Artikel von Martin Schulze Wessel:
„Die DFG-Fachinformationsdienste und die Anforderungen der Geisteswissenschaften. Zu einem FAZ-Artikel.“ Eine Notiz von Ben Kaden.
https://blogs.hu-berlin.de/fupush/2015/04/fid/#more-551

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