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Zu viele wissenschaftliche Publikationen?

Quatsch!

Alle Welt beschwert sich über die (zu) vielen wissenschaftlichen Publikationen. Das könne man ja alles gar nicht mehr verarbeiten! Und überhaupt diese Masse! Masse stand immer schon quer zu Qualität.

Auch Peter Strohschneider, der neue DFG-Präsident äußert sich in diesem Sinne. Die DFG finanziert seit Jahrzehnten Sonderforschungsbereiche, Forschergruppen und graduate schools am laufenden Band. Und darin arbeiten Leute, die ihr ganzes Trachten darauf legen, zu publizieren. Nicht aus Eitelkeit, sondern weil sie vom System dazu gezwungen werden. Irgendwie doch ein Widerspruch, dass der Chef der Institution, die genau dieses fördert, hier protestiert, nicht wahr?

Wenn die Entscheider des deutschen Wissenschaftssystems endlich mal einsehen würden, dass elektronische Veröffentlichungen nicht nur aus Kosten- und Sichtbarkeitsgründen zu fördern sind, sondern dass sie über diverse Filter- und Bewertungsmöglichkeiten das Problem als ein Scheinproblem entlarven würden, wäre schon vieles gewonnen. Denn dann ließe sich jede Veröffentlichung begründen. Und sie würde nicht durch irgendwelche machtgestützte Vorgaben beeinflusst, sondern müsste sich am Markt bewähren und wäre dementsprechend entweder präsent oder ginge sowieso in der Aufmerksamkeitsökonomie verloren. Auf deutsch: Auch die scheinbar nebensächlichste Publikation könnte ein Körnchen Interessantes enthalten und wäre daher automatisch legitimiert. Aber die (im Internet messbare) Rezeption würde letztlich darüber entscheiden, wie stark sich eine solche Publikation im Vordergrund etablieren könnte und dort die geschätzte Aufmerksamkeit der hochmögenden Spitzenforscher absorbiert!

2 Comment(s)

  • ih
    28.06.2013 08:02
    gefällt mir

    Die Funktion Kommentar kommentieren geht nicht. Deshalb schreibe ich das hier: Gefällt mir. :)

  • Gudrun Gersmann
    27.06.2013 07:51
    Warum wir anders publizieren müssen

    Hubertus Kohle hat recht, wenn er darauf verweist, dass die Definition von Relevanz "im Auge des Betrachters liegt". Anders formuliert: ein kleiner Beitrag in den "Heimatblättern des Kreises Dülmen" kann für denjenigen, der über ein Thema der westfälischen Landesgeschichte forscht, wichtiger sein als die steile These, die der hippe amerikanische Historikerstar in einer streng begutachteten internationalen wissenschaftlichen Zeitschrift veröffentlicht (natürlich möchte ich keinem Nachwuchswissenschaftler raten, ausschließlich in den Heimatblättern des Kreises Dülmen zu publizieren....). Die Devise "Publish first / filter later" hat da was für sich. Allerdings meine ich auch, dass wir in den Geisteswissenschaften ein neues Bewußtsein für Qualität brauchen: mir scheint, es geht vielfach nur noch um die Strategie und die Quantität: möglichst viel in den richtigen Publikationsorganen unterbringen. Schon klar, aber: sollte es jenseits des karrieretechnischen Plazierens nicht in erster Linie um die Inhalte gehen? Oder klingt das hoffnungslos anachronistisch? Jede Tagung beginnt inzwischen mit dem Satz "und selbverständlich werden wir Ihre Beiträge - deren Themenstellung wir Ihnen gänzlich selbst überlassen, gerne auch zum Kopulationsverhalten der Ameise, in einem Sammelband veröffentlichen". In dem eindrucksvollen Buch über den französischen Historiker Fernand Braudel, das Peter Schöttler gerade herausgegeben hat, kann man nachlesen, wie die "Annales" zu einer der lebendigsten, brillantesten und einflußreichsten Fachzeitschriften des 20. Jh. wurden: weil ihre Gründerväter eine Mission hatten. Weil sie die verkrustete, aus dem 19. Jahrhundert stammende Geschichtswissenschaft reformieren wollten. Ich finde, es schadet nicht, sich gelegentlich daran zu erinnern, dass wissenschaftliches Publizieren nicht nur ein "muß" und gefälligst "richtig" zu betreiben ist, sondern immer und in erster Linie Ausdruck dafür sein sollte, dass man der (Fach)community überhaupt etwas zu sagen hat.....

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