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Die Zeichnungen im „Kunstbuch Albrecht Dürers“ – Eine Spurensuche

Ain Puech in Rot leder eingebunden
darauf steet mit gulden worten ge-
druckht. Kunstbuech Albrecht Tuerer
von Nürnberg.

(Eintrag im Nachlassinventar Erzherzog Ferdinands II. (1529–1595), 1596. Wien, Kunsthistorisches Museum, Kunstkammer, Sign. KK 6652)

Der Sammelband von Dürer-Graphik soll um 1560 in Mainz gebunden worden und als Geschenk in den Besitz von Erzherzog Ferdinand II. (1529–1595) eingegangen sein, in dessen Nachlassinventar er Erwähnung findet. Eingebunden bzw. eingeklebt sind insgesamt 82 Tiefdrucke, 134 Holzschnitte, ein Aquarell und zwölf Handzeichnungen, die dem Werk Dürers huldigen.
Obwohl die Zusammensetzung des Bandes diverse Spuren nachträglicher Veränderungen aufweist, sorgten einige 1827 durch Joseph Heller (1798–1849) publizierte Äußerungen unter Forschenden nachhaltig für Irritationen (vgl. Ausst.-Kat. Wien 1994, Kat.-Nr. 9). Der Bamberger Sammler listete folgende drei Zeichnungen aus dem Kunstbuch als Teil der Sammlung des am 15. April 1822 in Innsbruck verstorbenen Augustin Anton Pfaundler auf, nämlich:

Erst später, in jedem Fall aber im Jahr von Hellers Veröffentlichung, sollen sie “zu Wien in der Ambraser Sammlung” gewesen sein (vgl. Heller Dürer 1827 I, S. 44). In dem an anderer Stelle von Hellers Dürer-Monographie folgenden Eintrag zur Ambraser Sammlung notierte er: “Vor Kurzem erhielt diese Sammlung drey sehr merkwürdige Handzeichnungen von Albrecht Dürer, durch den sehr eifrigen Kunstliebhaber Anton Pfaundler von Sternberg zum Geschenk.” (Ebd. S. 97)
Die Tatsache, dass drei Zeichnungen, die als ursprüngliche Bestandteile des Kunstbuchs verstanden wurden, sich außerhalb dessen, ja sogar in einer anderen Stadt und Sammlung befunden haben sollen, verlangte nach Aufklärung.

Deutungsversuche nach oben

Die beliebteste Theorie steht in Zusammenhang mit der Niederlage Österreichs gegen Frankreich im Jahr 1805. Ab 1806 durften die in Schloss Ambras in Innsbruck verbliebenen Stücke der erzherzoglichen Sammlung nach Wien abtransportiert werden, wo sie in das Unteren Belvedere gebracht wurden. Forschende nahmen an, dass die besagten Zeichnungen womöglich vor oder beim Abtransport widerrechtlich aus dem Sammelband herausgelöst wurden, in den Handel kamen und dort von Pfaundler erkannt, erworben und dem Kunstbuch als sein Erbe zurückgegeben werden konnten. Weshalb die Kustoden der Ambraser Sammlung, zunächst Johann Baptist Primisser (1739–1815), der zwischen 1796 und 1806 fünfmal mit der gesamten Sammlung aus Schloss Ambras flüchten musste, und ihm nachfolgend sein Sohn Alois Primisser (1796–1827), weder den Verlust noch die Schenkung kommentiert oder in Inventaren vermerkt hatten, blieb ohne Erklärung. (Hierzu: Ausst.-Kat. Wien 1994, S. 92–93.)

Die "künftige Bestimmung" von Dürers Traum nach oben

Von Heller selbst, der zu Beginn der 1820er Jahre damit begonnen hatte, ein weitreichendes Netzwerk aus Sammlern, Händlern und Kustoden aufzubauen und sowohl mit Pfaundler als auch mit Alois Primisser korrespondierte, sind Antworten aus erster Hand erhalten (vgl. Bamberg, Staatsbibliothek, Hellers Korrespondenz). Am 12.03.1821 wandte er sich zunächst an Pfaundler, stellte sich als “großer Kunstfreund” vor und fragte gezielt nach Dürers Traum (vgl. Briefkonzept von Joseph Heller an Augustin Anton Pfaundler (dat. 12.03.1821), SBB, in: JH.Comm.lit.4(1818/21, S. 260). Die Antwort traf am 17. April 1821 in Bamberg ein:

Die Dürersche Handzeichnung, einen Traum vorstellend, besitze ich zwar noch. Sie hat aber schon ihre künftige Bestimmung.

(Brief von Augustin Anton Pfaundler an Joseph Heller (dat. 17.04.1821), 1r, SBB, in: JH.Comm.lit.5)

Diese “künftige Bestimmung” erläuterte Pfaundler zwar nicht näher, doch legte er seinem Brief eine Kopie (Staatsbibliothek Bamberg, Sign. I A 13b) nach der Zeichnung sowie ein Transparentpapier bei, auf das er Schriftproben und das Wasserzeichen des Originals durchzeichnete. Diese Durchpausen ließ Heller in seiner Publikation von 1827 abdrucken (vgl. Heller Dürer 1827 I, S. 45, 46).

Rückgabe oder Schenkung nach oben

Im selben Jahr stand der Bamberger auch in Briefkontakt mit Alois Primisser. Am 31.10.1821 schrieb dieser an Heller: “Ihrem Verlangen, das Verzeichnis der Dürerschen Handzeichnungen in d[er] Ambr[aser] S[ammlung] zu erhalten, will ich gleich so gut ich kann entsprechen.” (Brief von Alois Primisser an Joseph Heller (dat. 31.10.1821), 1r, SBB, in: JH.Comm.lit.5) Nachfolgend listete er neun Zeichnungen auf, zu denen er anmerkte, nicht sagen zu können, ob “alle, und welche von Dürer” seien (ebd. 2r), nämlich:

Damit fehlten 1821 – im Vergleich zum heutigen Zustand – im Kunstbuch Albrecht Dürers insgesamt sogar das Aquarell und drei Zeichnungen.


Über ein halbes Jahr später, am 15. Mai 1822, meldete sich Primisser erneut bei seinem Bamberger Freund, teilte ihm Pfaundlers Tod mit und berichtete:

Von den drei Handzeichnungen die durch Pfaundler in die A[mbraser] Sam[mlung] kamen, hat die eine Venus das Handzeichen 1514/AD, der Traum seine eigenhänd[ige] Namensunterschrift, die dritte, eine fontaine, aber ist ganz ohne Zeichen und mir auch zweifelhaft, ob von Dürers Hand.

(vgl. Brief von Alois Primisser an Joseph Heller (dat. 15.05.1822), 1r, SBB, in: JH.Comm.lit.5)

Die Aussage des Kustoden wirkt kaum als seien die Werke zuvor mutwillig aus dem Buch entfernt worden und nun, nach fast 20 Jahren schmerzlicher Abwesenheit, in die Sammlung zurückgekehrt.
Neben diesen Dreien ist außerdem Arion auf dem Delphin in Primissers Aufzählung aus dem Oktober 1821 nicht genannt.

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