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Christoph Luitpold Frommels 'Der Römische Palastbau der Hochrenaissance' online zugänglich

„The most monumental and thorough study of a theme in Renaissance architecture ever written“ urteilte der damalige Altmeister der Renaissancearchitektur-Forschung, James Ackerman, in einer Rezension im Journal of Architectural Historians (34.1, S.74) über Christoph Luitpold Frommels Werk „Der römische Palastbau der Hochrenaissance“ von 1973. Die Forschungen für diese Arbeit, die an der Universität Bonn als Habilitationsschrift angenommen wurde, hat der 1933 in Heidelberg geborene Architekturhistoriker während der mehrjährigen Beschäftigung als wissenschaftlicher Assistent an der Bibliotheca Hertziana, dem Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte in Rom, durchgeführt. Entsprechend erfolgte die Publikation als Nr. 21 der Reihe der Römischen Forschungen der Bibliotheca Hertziana [https://doi.org/10.11588/diglit.47054], gedruckt in drei großformatigen Bänden im Tübinger Wasmuth-Verlag. Der Titel ist längst vergriffen. Die Auflage war für ein derart grundlegendes Thema viel zu gering und wurde – so berichtet der Autor – durch einen Wasserschaden im Verlagslager noch weiter dezimiert. Daher findet sich der Titel in der Regel in gut sortierten Universitäts- und Institutsbibliotheken, aber private Exemplare werden inzwischen zu vierstelligen Europreisen gehandelt.

 

Frommel setzte mit dem römischen Palastbau die Tradition der Bibliotheca Hertziana fort, die spätestens seit dem ersten Direktor der Nachkriegszeit, Franz Graf Wolf Metternich, zu einem Zentrum der Architekturforschung – oder genauer gesagt: der St. Peter-Forschung – geworden war. Zugleich stieg die deutsche Romforschung mit dem Thema des Palastbaus gewissermaßen wieder vom vatikanischen Hügel herab, auf den sie sich nach dem Zweiten Weltkrieg mit ebendieser  – sehr erfolgreichen und auch von Frommel selbst betriebenen  –  St. Peter-Forschung zurückgezogen hatte. Später, 1981, selbst Hertziana-Direktor geworden, erweiterte Frommel diese Öffnung noch durch eine intensive Zusammenarbeit mit internationalen, vor allem aber auch italienischen Kolleg:innen, was unter anderem in der 1994 und 1995 in Venedig und Berlin unter dem Titel „Die Renaissance – von Brunelleschi bis Michelangelo“ bzw. „Architekturmodelle der Renaissance“ gezeigten Ausstellung seinen Ausdruck fand. Noch heute forscht der bedeutende Wissenschaftler zur italienischen Renaissancearchitektur und -kunst und legte in den letzten Jahren unter anderem umfassende Studien zum Wallfahrtsheiligtum Loreto [https://doi.org/10.11588/arthistoricum.860] und zu Michelangelo als Bildhauer vor. Seine seit der Dissertation über die Farnesina 1961 erschienenen Schriften werden derzeit auf arthistoricum.net online zugänglich gemacht [https://archiv.ub.uni-heidelberg.de/artdok/view/schriftenreihen/sr80.html]. Der Umstand, dass in diesem Rahmen nun auch der „Römische Palastbau der  Hochrenaissance“ für die Wissenschaft und das interessierte Publikum wieder verfügbar geworden ist [https://doi.org/10.11588/diglit.59324], wofür auch dem Wasmuth-Verlag für die freundliche Zustimmung zu danken ist, bildet den Anlass für diesen Text.

Mit seinem opus magnum konnte Frommel den Palastbau als architektonisch-künstlerische Schlüsselgattung etablieren, in der sich die wesentlichen Elemente frühneuzeitlicher Kulturgeschichte manifestierten. Nicht nur wichtige gestalterische und typologische Entwicklungen, die bis zum europäischen Schlossbau des Absolutismus führen, sondern generell die Entstehung einer städtischen – in Rom sowohl bürgerlich, feudal als auch kirchlich geprägten – Kultur lässt sich kaum irgendwo so gut ablesen wie am Palastbau der Renaissance. Hier haben die unterschiedlichsten Bereiche wie Urbanistik, Verwaltungswesen, Bau- und Haustechnologie, Festkultur, Kunst und Sammlungswesen sowie allgemein Wohnkultur entscheidende Entwicklungen vollzogen. Frommel war zu Beginn der 1970er Jahre mit seiner unmittelbar auf dem Quellenmaterial fußenden Arbeitsweise, die zugleich auf künstlerische, funktionale und soziale Aspekte der Bauten zielte, ein Vorreiter in der Architekturgeschichtsforschung. Dass seine Untersuchungen in lebendiger Auseinandersetzung auf älterer Forschung aufbauen, ist im Gebiet der Renaissanceforschung – die bereits mit der Selbstdokumentation und -reflektion der Zeitgenossen beginnt – selbstverständlich.

Hervorzuheben ist jedoch, wie unmittelbar Frommel auch an Forschungstraditionen des 19. Jh. anschließt, etwa an die Methoden der Architekten-Forscher Letarouilly und Geymüller, die für die akribische Vermessung der Bauten und die Arbeit mit historischen Architekturzeichnungen stehen.

 

 „Der Römische Palastbau der Hochrenaissance“ erschien in drei Bänden, was nicht nur dem Umfang des Stoffes geschuldet ist, sondern auch drei, sich ergänzende Herangehensweisen an den Gegenstand repräsentiert: Die thematische, die monografisch-katalogmäßige und die visuelle. Die physische Aufteilung in drei Bände dient ebenso dem praktischen Arbeiten und ermöglicht die Gleichzeitigkeit der Zugänge: Während man im 1. Band zu übergreifenden Themen liest, liegen der 2. Band zur Konsultation des Katalogs und der 3. Band zur Ansicht der Abbildungen aufgeschlagen daneben. Auch der Autor selbst hat vor allem Katalog und Tafelband seines eigenen Werks immer wieder auf diese Weise genutzt. Im digitalen Format werden aus aufgeschlagenen Büchern freilich „windows“, wodurch mehrere oder sehr große Bildschirme sowie einiges Geschick beim Wechsel der Ansichten nötig sind. Andererseits ist natürlich ein unvergleichlicher Vorteil, dass das Werk nun im Volltext durchsuchbar ist.

Der erste Band [https://doi.org/10.11588/diglit.59325] stellt den Palastbau als zentrale europäische Bauaufgabe vor, an der sich wesentliche Aspekte der Architekturpraxis und -geschichte der frühen Neuzeit ablesen lassen. In den Urbanistik, Stil, Funktion und Typus, Fassaden sowie Höfen gewidmeten Kapiteln thematisiert Frommel übergreifend Genese, Typologie und Gestalt des Adels- und Klerikerpalasts, wobei er aber stets mit konkreten Einzelbeispielen argumentiert und die entscheidende Bedeutung der einzelnen Protagonisten – seien es Schaffende oder Auftraggebende – unterstreicht.

Der zweite Band [https://doi.org/10.11588/diglit.59326] ist als Katalog konzipiert, der jedem der 32 als relevant ausgewählten Palastbauten – neben 31 römischen Bauten ist als Ausnahme der von Raffael geplante Palazzo Pandolfini in Florenz hinzugefügt – einen mehr oder weniger umfangreichen Eintrag widmet. Die idealtypische Gliederung jedes Eintrags in die fünf Abschnitte Schriftliche Quellen, Bilddokumentation, Bauherr und Besitzer, Baugeschichte, Rekonstruktion hat bis heute Modellcharakter für die monografische Behandlung von historischen Bauten. Insbesondere die Trennung zwischen dem heutigen Zustand und dem als Arbeitsgrundlage heranzuziehenden rekonstruierten Originalzustand ist methodologisch wichtig. Inhaltlich zeigen die Katalognummern höchste Souveränität im Umgang mit den Quellen, gleich ob es sich um Zahlungsbelege, Verträge oder zeitgenössische Beschreibungen handelt. Zu einer Zeit, in der die Schriftquellen zum großen Teil ausschließlich in Form ihrer Originalüberlieferung in den verschiedenen staatlichen, kirchlichen und privaten Archiven erreichbar waren, hat Frommel aus der für Rom bekanntlich übergroßen Fülle der Überlieferung die jeweils relevanten Ausschnitte transkribiert und zusammengestellt. Ebenso kennt er jede Ecke der Bauten und konnte daher, nicht zuletzt mit Hilfe der nicht immer leicht zu deutenden Architekturzeichnungen, die historischen Informationssplitter zuordnen und interpretieren. Insgesamt erreichen die Katalognummern erheblichen Umfang und Tiefe. Der insgesamt 48 eng bedruckte Seiten umfassende Katalogeintrag zum Flaggschiff der römischen Renaissancepaläste, dem Palazzo Farnese, wurde auch von späteren Monografien an Informationsgehalt nur selten überholt.

Der dritte, Bildtafeln enthaltende Band [https://doi.org/10.11588/diglit.59327] konzentriert sich ganz auf die Funktion einer Quellensammlung in Bildform. Ganzseitige Fotografien oder klassische Gesamtansichten sucht man nahezu vergebens. Stattdessen vereinen die Tafeln jeweils kleinere Abbildungen von Baudetails, historischen Stichen, Karten und Zeichnungen, die auf die relevanten Bereiche beschnitten und somit in ihrer eigentlichen Gestalt nicht immer leicht zu erkennen sind. Diese in unserer Zeit der äußersten Medien- und Überlieferungssensibilität möglicherweise befremdlich wirkende Vorgehensweise erzeugt eine beachtliche Informationsdichte und kann darüber hinaus gewissermaßen schon wieder als gestalterisches Werk eigenen Rechts gelten.

 

Nach wie vor findet sich zur Geschichte der Urbanistik in Rom, der Entwicklung von Idee, Struktur und Gestalt (hier noch ohne Umschweife mit „Stil“ bezeichnet) oder der typologischen und funktionalen Aspekte der römischen Renaissancepaläste kaum eine dem „Römischen Palastbau“ vergleichbar umfassende, klare und kompakte Darstellung in deutscher Sprache. Mit dieser Publikation hat Frommel zahlreiche weitere Einzelforschungen – nicht nur eigener Schüler:innen – angestoßen, die zusätzliche Detailkenntnisse zu einzelnen Palästen hervorgebracht haben oder auch andere, bislang kaum beachtete Bauten in und um Rom erschlossen haben. Auch die zahlreichen Monografien, die in den 1980er und 90er Jahren an der Architekturfakultät der römischen Sapienza in der Tradition der von Gustavo Giovannoni begründeten Baugeschichtsforschung erarbeitet wurden, dürften Anstöße durch Frommels gleichermaßen auf künstlerische Formen, funktionale Strukturen und handelnde Persönlichkeiten ausgerichtete Publikation erhalten haben. Selbst manche Arbeiten aus dem angloamerikanischen Raum wie die bedeutende Untersuchung von Patricia Waddy zu den römischen Barockpalästen sind ohne Frommels opus magnum kaum vorstellbar, auch wenn die Autorin sich nicht explizit darauf beruft. Jüngste Forschungen zum Palastbau, etwa von Renata Ago oder Gail Feigenbaum, haben die Autopsie der inneren Strukturen der Paläste durch die Betonung der Rolle der festen und beweglichen Kunstausstattung erneut ausgeweitet. Aber ohne das von der vorangegangenen Architekturforschung – und hier eben maßgeblich Frommel – gezeichnete Bild fehlte diesen neuen Perspektiven das nötige Fundament.

So hat die Forschung manches präzisiert und hinzugefügt und – das muss auch gesagt werden – in vielen Publikationen erheblich bessere Abbildungen zum aktuellen Zustand der Bauten bereitgestellt. Dennoch erwiesen sich die von Frommel im „Römischen Palastbau“ zusammengeführten Materialien als eine Grundlage, die auch nach Jahrzehnten nur um Weniges ergänzt werden konnte. Insbesondere blieben auch die von ihm getroffenen historischen Rekonstruktionen und Interpretationen weitestgehend gültig. Auch das hatte James Ackerman schon so eingeschätzt: „My guess is that its data on the buildings discussed and most of its opinions about their dating and authorship will remain valid and current for generations“. Umso erfreulicher ist es, dass diese Ergebnisse dank arthistoricum.net nun mit geringstem Aufwand erreichbar sind.

 

DOI der digitalisierten Version von Christoph Luitpold Frommel: Der Römische Palastbau der Hochrenaissance. Tübingen 1973: https://doi.org/10.11588/diglit.59324

 

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