blog.arthistoricum.net

Vorschau: Die Kunstgeschichte auf der DHd 2020

Von 2. bis 6. März 2020 findet die diesjährige Jahreskonferenz des Verbands der Digital Humanities im deutschsprachigen Raum - DHd 2020 in Paderborn unter dem Motto „Spielräume“ statt. Welche Spielräume nehmen in diesem Jahr die Kunstgeschichte und Bildwissenschaft ein? Seit der Gründungstagung 2014 in Passau lässt sich zunehmende Konjunktur der Kunstgeschichte und Bildwissenschaft, und zunehmend auch Kooperation zwischen den Disziplinen, verzeichnen. 2020 ist in dieser Hinsicht ein bischen weniger „los“ als letztes Jahr. Beide Keynotes der Tagung stammen aus dem Revier der Literaturwissenschaft. Die beliebten wissenschaftlichen Poster, also die Möglichkeit, durch ein Plakat der eigenen Forschung während der Tagung ein Forum zu geben, allerdings können für die folgende kleine Übersicht nicht berücksichtigt werden. Zum jetzigen Zeitpunkt sind die Inhalte der Poster nicht einsehbar. Gerade hier zeigt sich aber häufig erstaunlich Neues, gerade hier kommt der Nachwuchs zum Zug.

Einer meiner Favoriten in diesem Jahr ist ein Beitrag von Linda Freyberg (Potsdam) zur Erkenntniskraft des Bildlichen. Sie wird unter anderem Aby Warburgs Mnemosyne-Atlas besprechen, als Modell, Wissen über Kunst zu ordnen und zur Darstellung zu bringen. Freyberg forscht im Rahmen ihrer Dissertation zur „Ikonizität als Erkenntnismittel“. Das Digitale ist entscheidend, da die „digitale Wissensorganisation“ untersucht wird. Wie der Mnemosyne-Atlas hier hereinpasst, wird sich zeigen. Freyberg gehört übrigens zur umtriebigen Gruppe von Wissenschaftler*innen am Potsdamer Urban Complexity Lab, das ob seiner Forschungsleistungen auf dem Gebiet der Informationsvisualisierung bereits oft von sich hören ließ.

Aus der Hoppe-Schule ist dieses Jahr wieder 3D- (auch 4D-) Spezialistin Heike Messemer (Würzburg), zusammen mit Christiane Clados (Marburg), vertreten. Es wird zur „3D-Rekonstruktion als Werkzeug der Quellenreflexion“ referiert. Die während des Prozesses der Rekonstruktion vorzunehmende „(Re-)Evaluierung von Quellen und Befund“ (Zitat: Konferenz-Abstract; sämtliche Zitate in diesem Beitrag: s. Konferenz-Abstracts) zeitigt die Chance, bestehende Arbeitshypothesen zu reformulieren und zu korrigieren. Anhand der 1964 abgerissenen Ruine der im 2. Weltkrieg zerstörten Dresdener Sophienkirche, aber auch anhand eines altkolumbianischen Schmuckes, wird der Prozess der schrittweisen Erkenntnissicherung exemplarisch vorgeführt werden.

Peter Bell (Erlangen) und Fabian Offert (Erlangen) werden ihren Begriff einer Critical Machine Vision der Fachgemeinde vorstellen. Nicht nur seien „digitale Methoden auf geisteswissenschaftliche Gegenstände anzuwenden“, sondern „umgekehrt die informatischen Werkzeuge mit Methoden der Digital Humanities und der Geisteswissenschaften“ zu traktieren, um zu einer kritischen Analyse der Machine Vision zu gelangen. Für das Training neuronaler Netze maßgebliche Bilddatenbanken der Computer Vision wie ImageNet und COCO können dabei einer kategorialen Kritik unterzogen werden. Schließlich wird ein Bias, eine Voreingenommenheit der Datenbanken aufzuzeigen sein. In ihrer spezifischen Beschaffenheit produzieren die dem Training zugrunde liegenden Datenbanken beharrlich Stereotype und fördern eine stetige Produktion und Reproduktion sogenannter westlicher Narrative. Neben ihrer Daten(bank)kritik liefern Bell und Offert neue technische Ansätze zur möglichen Veränderung der Methoden des Computer Vision Trainings. Der Tagungsuntertitel „Digital Humanities zwischen Modellierung und Interpretation“ bezieht sich hier exemplarisch auf die Arbeit mit Convolutional Neural Networks für die Computer Vision.

Innerhalb der Sektion „Neue Wege für Repositorien“ werden „Bildrepositorien und Forschung mit digitalen Bildern im Bereich der Kunstgeschichte“ von Sander Münster (Jena/Dresden), Cindy Kröber (Dresden) und Heike Messemer (Würzburg) besprochen. In der Kunstgeschichte stetig aufkommende Fragen zu Datenbanken und digital verfügbaren Bildern beträfen „Auffindbarkeit, Urheberrecht, Metadaten zum Material, geringe Bildqualität oder digitales Design“, hiermit seien Problembereiche identifiziert, die „Zugriff und Interaktion“ durch die Zunft Kunstgeschichte beeinträchtigten. Das Potential digitaler Repositorien und digitaler Bilder für die Forschung sei somit eingeschränkt. Berichtet werden wird zudem von einer Umfrage mit Studierenden der Kunstgeschichte. Denn zu fragen sei, ob die erwähnten Problembereiche für die digital natives ebenso deutlich existierten. Aus der Umfrage abzuleitende Erfordernisse versprächen Hinweise auf mögliche technologische Neuentwicklungen für den wissenschaftlichen Alltag der Studierenden.

Im Rahmen der Sektion „Linked Open Data 1“ präsentieren Maria Effinger und Nicole Sobriel von der Universitätsbibliothek Heidelberg die Möglichkeiten und erste Lösungsansätze für eine „Bereitstellung“ (also von der Seite der Universitätsbibliothek aus gedacht) von digitalen Werkverzeichnissen. Der Vortrag ist betitelt „Das Werk bildender Künstler*innen im Kontext - Digitale Werkverzeichnisse im semantischen Netz“. Wohl ein weiteres Juwel der Tagung. Aus dem Abstract: „Die webbasierte und kollaborative Arbeits- und Publikationsweise sowie die multiplen Verbindungen von Bild und Text schaffen gegenüber bisherigen Printpublikationen neue Möglichkeiten der Visualisierung und Verbreitung stets aktueller Forschungsergebnisse. So können die zwischen den in der Datenbank erfassten Artefakten oder Personen bestehenden komplexen, geographischen, überlieferungskontextuellen, sprachlichen, inhaltlichen, ikonographischen oder editorischen Bezüge komfortabel recherchiert, visualisiert und dynamisch ausgebaut werden.“

Schließlich zeigen dieses Jahr Harald Klinke von der LMU München zusammen mit den Kölnern Jürgen Hermes und Dennis Demmer, im Rahmen der neuen Sektion „Digital Humanities Community“, die Möglichkeiten sogenannter „Public Humanities Tools“. AutoChirp und autoPost zur automatisierten Versendung von Nachrichten des sozialen Informationsdienstes Twitter und zum automatisierten Posten von Beiträgen im Netzwerk Facebook, also zur Konfiguration eigener Twitter- und Facebook-Bots, zeichnen sich jeweils durch unkomplizierte Handhabung auch für Anfänger aus. Beide Tools wurden an der Universität zu Köln entwickelt. Verschiedene mit den Anwendungen bereits durchgeführte Aktionen eines Wissenstransfers in die Öffentlichkeit einerseits und der Information der Fachgemeinde andererseits werden vorgeführt. Aus der Kunstgeschichte wird zum Beispiel zum Twitter-Bot Cleveland Art Fun Facts referiert, der mit open data aus dem Cleveland Museum of Art operiert.

Fazit: Die Kunstgeschichte und Bildwissenschaft sind auf der diesjährigen DHd-Tagung mässig vertreten, zeichnen jedoch insgesamt ein erfreulich vielfältiges Spektrum derzeitiger Aktivitäten. Forschung zu digitaler Wissensorganisation durch Bildlichkeit, digitale 3D-Rekonstruktion, kritische Machine Vision, Potentiale und Möglichkeiten digitaler Repositorien, digitaler Werkverzeichnisse und digitaler Wissenskommunikation - ausgelotet, anvisiert und angedeutet werden beträchtliche Spielräume. Besonders freue ich mich über den Versuch einer kritischen Machine Vision. Habe schon seit längerem den Eindruck, dass die frühen Jahre datenpragmatischer und datenpositivistischer Forschung endgültig vorbei sind.

Verwiesen sei auch auf die Treffen des Arbeitskreises Digitale Kunstgeschichte, der AG Digitales Museum und der AG Digitale 3D-Rekonstruktion im Rahmen der Tagung.

Eine Anmeldung zur DHd-Tagung 2020 ist noch bis 16.2. möglich. Interessierte können Einblicke auch über den twitter-Hashtag #dhd2020 auf Twitter erhalten. Ein kurzer Tagungsbericht wird hier auf dem Blog erscheinen.

 

 

 

0 Kommentar(e)

Kommentar

Kontakt

Kommentar

Absenden