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"Karikatur – Presse – Freiheit. Honoré Daumier und die französische Bildsatire"

Staatsgalerie Stuttgart, Graphische Sammlung, 31.5.-20.9.2015

Ein Gastbeitrag vom Ausstellungskurator PD Dr. Hans-Martin Kaulbach für das Themenportal Caricature.

Honoré Daumier (1808-1879), Ils voudraient éteindre jusqu'au Soleil (Wenn sie könnten, würden sie auch noch die Sonne auslöschen). Le Charivari, 15.8.1851 (© Staatsgalerie Stuttgart)
Honoré Daumier (1808-1879), Ils voudraient éteindre jusqu'au Soleil (Wenn sie könnten, würden sie auch noch die Sonne auslöschen). Le Charivari, 15.8.1851 (© Staatsgalerie Stuttgart)

Die Entscheidung für diese Ausstellung fiel spontan nach den Morden an der Redaktion der französischen Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ im Januar 2015 in Paris. Möglich ist sie, weil die Graphische Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart über bedeutende Bestände französischer Karikaturen des 19. Jahrhunderts verfügt: die satirische Wochenzeitschrift „La Caricature“ (1830-1835) in 10 Bänden mit allen 251 Lithographien, Blätter der »L´Association mensuelle pour la liberté de la presse«, einige Bände der satirischen Tageszeitung „Le Charivari“ (ab 1832), und daraus zahlreiche Karikaturen von Cham (1819-1879), Paul Gavarni (1804-1866) und anderen Zeichnern. Honoré Daumier (1808-1879) ist mit 1.300 (von 4.000) Lithographien in der Sammlung präsent, darunter der seltene „Gargantua“ von 1831 – der ihm eine Gefängnisstrafe einbrachte. Auch Charles Philipon (1800-1861), Gründer und Herausgeber dieser Zeitungen, wurde mehrfach verurteilt.

Hauptthemen der Ausstellung sind Zensur, Unterdrückung der Freiheit und die Selbstdarstellung der satirischen Presse. Ein Akzent liegt dabei auf der „Bildsprache“ und ihren Motiven. Traditionellen allegorischen Figuren wie der „Liberté“ steht etwa der von Daumier entwickelte „Ratapoil“ als Personifikation der bonapartistischen Schlägertruppen gegenüber. Physiognomische Karikaturen der herrschenden Politiker sind ergänzt mit satirisch „verkehrten“ Wappen. Sich selbst verkörperte „La Caricature“ in der Figur des Narren in seinem Schellenkleid. Die Satire bediente sich ausgiebig ihrer Lizenz, Realitätsebenen zu mischen, und arbeitete vielfach mit der Lichtmetaphorik. Dabei prägte sie Symbole aus: die Schere für Zensur oder das Löschhütchen für die Bestrebungen, das Licht der Meinungsfreiheit zu ersticken – und die berühmte „Birne“ für den „Bürgerkönig“ Louis-Philippe (1773-1850). Zu den satirischen Techniken gehörte auch die Nutzung bekannter Bildmuster.

J. J. Grandville (1803-1847) / Eugène-Hippolyte Forest (1808–1891), Résurrection de la Censure (Wiederauferstehung der Zensur). La Caricature Nr. 62, 5.1.1831, Platte 125 (© Staatsgalerie Stuttgart)
J. J. Grandville (1803-1847) / Eugène-Hippolyte Forest (1808–1891), Résurrection de la Censure (Wiederauferstehung der Zensur). La Caricature Nr. 62, 5.1.1831, Platte 125 (© Staatsgalerie Stuttgart)

Politische Karikaturen konnten nur erscheinen, solange die Pressefreiheit nicht völlig abgeschafft war: während der „Julimonarchie“ von 1830 bis zu den „Septembergesetzen“ 1835; während der 2. Republik von der Revolution 1848 bis zum Staatsstreich 1851; während der letzten Jahre des 2. Kaiserreichs 1869-1870 und ab 1871 in der 3. Republik (vgl. hierzu den Blog von Barbara Wagner, 28.04.2015). Doch selbst in diesen Phasen versuchten Regierung und Staatsanwälte, die satirischen Zeitungen auf anderen Wegen mundtot zu machen: finanziell mit hohen Kautionen, Stempelsteuern und Geldstrafen; materiell durch Beschlagnahmungen, und persönlich durch Klagen und Haftstrafen.

In den Zeiten dazwischen, als politische Karikatur unmöglich war, erschienen im „Charivari“ gesellschaftskritische Serien wie die „Kleinbürger“, die „Ehesitten“, „Mieter und Vermieter“, und andere Themen aus dem bürgerlichen Alltag, aus denen Beispiele ausgestellt sind. (Hier ist Alexander Roob zu widersprechen. Mit seiner Wertung: „ein zahnloser Zeichner wie Daumier“, dessen Crayon-Manier „sich mit dem Verbot politischer Karikatur in Frankreich 1835 in den Dienst einer verspießten Sittenschilderung begab“, verkennt Roob die spezifische Leistung der Alltagskarikatur.) [blog.arthistoricum.net: Alexander Roob, 27.03.2015, 16:30 Uhr]

Die Ausstellung versteht sich als Hommage an die große französische Tradition von Karikatur und Bildsatire - und zugleich als Angebot einer historischen Grundlage für die aktuelle Diskussion über Meinungsfreiheit und ihre „Grenzen“. Perspektiven dazu soll das Begleitprogramm bieten [www.staatsgalerie.de/ausstellung/].

PD Dr. Hans-Martin Kaulbach
Konservator für deutsche und niederländische Graphik bis 1800
Staatsgalerie Stuttgart, Graphische Sammlung
Urbanstr. 35
70182 Stuttgart


Copyrightnachweis alle: Staatsgalerie Stuttgart

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