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IM ‚HORTUS CONCLUSUS’ DER DEUTSCHEN KUNSTGESCHICHTE

Häufig bekomme ich den Eindruck, die deutsche Kunstgeschichte spiele sich in einer Art  ‚Hortus conclusus’ ab, im Schutz der als Mauer wirkenden deutschen Sprache. Ein Freund aus Italien hat mir neulich versichert, dass in Italien unter den heutigen deutschen Kunstwissenschaftlern nur Belting und Bredekamp und wenig andere einigermaßen bekannt sind. Für den Rest ist die deutsche Kunstgeschichte eine Art schwarzes Loch. Die Sprachmauer schützt die deutschsprachige Kunstgeschichte vor einer kritischen Auseinandersetzung mit der Außenwelt, wie der aktuelle Fall Bredekamp in aller Klarheit beweist.

Horst Bredekamps Galileo’s O (Berlin: Akademie Verlag, 2011, 2 Bde.) erschien zuerst und nur in englischer Sprache, d.h. ohne den üblichen Schutzmantel. Die Demontage dieses Werkes (samt des 2007 erschienenen Galileo als Künstler) wurde hauptsächlich von einem britischen Historiker Nick Wilding (Assistant Professor und nicht „Assistenzprofessor“ an der Georgia State Universität in Atlanta) geleistet. Nach eigenen Angaben kann Wilding kein Deutsch: „FOREIGN LANGUAGES: Italian (fluent); French (read, spoken); Spanish (read); Latin (read).“ (http://www2.gsu.edu/~wwwhis/5573.html). Anders als manche Max-Planck Preisträgerinnen spricht Wilding nicht Latein, doch Videos im Internet beweisen seine recht beeindruckende Ausprache  (http://www.youtube.com/watch?v=FDtcr_Mf138).

In diesem Zusammenhang bemerkt man, dass die öffentliche Diskussion der Causa Bredekamp auf zwei parallelen Schienen läuft, auf der einen Seite in Deutschland in der  Presse, auf der anderen dagegen, im Ausland, in der entlegenen Welt der Fachzeitschriften – vorwiegend in Italien und in den Staaten –, in amerikanischen quasi elite-Magazinen, die für ein relativ breites Publikum bestimmt sind, und in akademischen Fachkreisen der USA (Tagungen, Vorträge, Rundetische und Veranstaltungen aller Art). Hier werden die Fragen meistens sachlicher angegangen, ohne das Ordinarius-Ego zu berücksichten.

In der Tat hat erst die englischsprachige Veröffentlichung der Ergebnisse der Berliner Forschergruppe ermöglicht, dass eine kritische Auseinandersetzung mit diesen stattfand. Dass die Diskussion jetzt – mit erheblicher Verspätung – auch in Deutschland in Gang gekommen ist, ist ausschließlich dem Ausland zu verdanken. Dies ist weiter kein Grund zur Besorgnis und es wird jetzt eine Remontage aus Berlin für Februar 2014 versprochen (Bd. III, Berlin: De Gruyter/Akademie Verlag, Februar 2014: ISBN: 978-3-11-035478-2). Aber vielsagend für die deutsche Presse ist, daß hier erst darüber geschrieben wird, nachdem ein amerikanischer Journalist darüber berichtet hat – Wildings und Gingerichs Kritiken schon Jahre zuvor hatten niemanden interessiert. Die Lage in Deutschland ist allerdings erheblich besser als in z.B Italien, wo gelegentlich eine heftige Polemik ausbricht, aber in der Regel Canis canem non mordet (“cane non morde cane”), d.h. Schweigen herrscht.

Es ist in der Tat erst die lange, am 16. Dezember im Magazin „The New Yorker“ erschienene Reportage, die alles ins Rollen gebracht hat. Der New Yorker ist eine etwas schicke journalistische Zeitschrift, die auf das – könnte man sagen –‚soft’ Intellektuelle zielt – bei der die breite Leserschaft, aber auch die Eliten auf ihre Kosten kommen sollen. So ist der 12-seitige Artikel, „A Reporter at Large: A very rare Book, The Mystery surrounding a copy of Galileo’s pivotal treatise“, 16. Dezember 2013, S. 62-73, von dem Journalisten Nicholas Schmidle fast wie ein Kriminalroman verfasst (http://www.nicholasschmidle.com/).

Nicholas Schmidle
Nicholas Schmidle


Im Internet steht der Artikel von Schmidle hinter der Mauer der Zahlungspflichtigkeit, und viele haben sich vergebens bemüht, ihn zu lesen. Andere haben per E-Mail einen Volltext bekommen, und man muss sich an diese wenden, um in den Genuss dieser grandiosen Reportage zu kommen. Der Artikel von Schmidle wurde auch in Zeitungsartikeln zusammengefasst (Süddeutsche Zeitung, Die Zeit, FAZ u.a.).

Obwohl die Übersetzung von Galieleo’s O teuer bezalt (finanziert aus einem eine Million Dollar schweren Forschungspreis der Max-Planck Gesellschaft von 2006) wurde und streckenweise auch meisterhaft ist, ist sie längst nicht vollkommen und verursacht manchmal Verstandnissschwierigkeiten. Da zeigt sich ein Dilemma. Die Muttersprache schafft Klarheit, behindert aber die Verbreitung. Was hier (wie auch anderswo) als Englisch angeboten wird, ist nicht gerade eine Metasprache, wie manchmal behauptet wird, aber sie ist auch nicht immer wirkliches Englisch. Der Muttersprachler wird oft nur ahnen können, worum es geht. Nicht-Muttersprachler werden wahrscheinlich besser, wenn nur approximativ verstehen. Das Ganze ist ein kompliziertes, schwer zu lösendes Problem. Langfristig trägt auch die Zielsprache Schaden.

Über die sachlichen und nicht so sachlichen Aspekte des Falles von Galileos ‘Siderius Nuncius’ ist in den letzten Wochen ausführlich und unterschiedlich in der deutschen Presse berichtet worden (viele Beiträge sind über Google zu finden).


Einiges in Übersicht:

 

http://archiv.twoday.net/stories/581438334/ (Archivalia)

http://iljabohnet.wordpress.com/2014/01/27/der-gefalschte-galilei-iv/ (Pressecho)

http://www.antiquare.de/aktuelles.html?&no_cache=1&tx_ttnews%5Btt_news%5D=105 (Presse Überblick August 2013-Jauar 2014).

 

Zudem siehe neulich: Patrick Bahners, „Die (Lügen-)Geschichte des O“, in: FAZ, 22. Januar 2014, Nr. 18, S. N3-N4 (Natur und Wissenschaft); Wolfgang Ullrich, „Der gefälschte Mond“, Teil 3, in: Die Zeit, 16. Januar 2014 ( http://www.zeit.de/2014/04/galilei-faelschung-bredekamp-3 ). Der Beitrag trifft den fachinternen Nagel auf den Kopf, sagen viele.


Die besten Abbildungen: 

http://www.finebooksmagazine.com/fine_books_blog/2013/12/lc-authenticity-symposium-a-brief-report.phtml ; siehe ‚Wilding’s slides’.

 

In der Diskussion sind auch die weiterreichenden Implikationen nicht außer Sicht geraten. Wilding fragt auch: Was wird jetzt aus dieser Art von Kunstgeschichte, für die Bredekamp steht? Was wird aus seiner Theorie der „denkenden Hand“? Hubert Hosch behauptet, „Es ist mehr ein Denk-Wunsch-Konstrukt nach vorgefasstem Plan und (fixer) Idee, aber nur mit vordergründiger Materialfülle und viel (hochgeistiger, nicht immer komprimierter) Luftfüllung“ ( http://freieskunstforum.de/hosch_2013_bredekamp_galilei.pdf ).

 

Da in dieser Geschichte die Hauptakteure so eifrig die Öffentlichkeit ausgesucht haben, muss man sie beim Versuch, die verwirrende Angelegenheit zu beurteilen, als Personen einbinden.

 

Unter den Selbstdarstellungen sind:

 

HORST BREDEKAMP:

http://www.3sat.de/page/?source=/kulturzeit/themen/174347/index.html (Video)

 

NICK WILDING: 
www.youtube.com/watch?v=FDtcr_Mf138  (Video)

 

OWEN GINGERICH: 
http://www.youtube.com/watch?v=QAg4cbLNIWA ; http://www.youtube.com/watch?v=NGpviAHXQnc  (Videos)

 

MARINO MASSIMO DE CARO:
http://www.youtube.com/watch?v=dDbzSS4HL-w (Video)

 

PAUL NEEDHAM:
http://www.rarebookschool.org/faculty/needham_paul/ ; http://www.nytimes.com/2001/01/27/arts/has-history-been-too-generous-to-gutenberg.html

 

RICHARD LAN:
http://www.martayanlan.com/ .

 

Zwischen Schattenseiten und Sonnenseiten befinden wir uns nicht mehr in einem locus amoenus sondern in einem locus terribilis.

5 Kommentar(e)

  • Ch. D.
    19.02.2014 09:33
    Galileo’s O, Bd. 3 online (Open Access)

    Galileo’s O, Bd. 3 online (Open Access): http://www.degruyter.com/viewbooktoc/product/416084


    BUCHPRÄSENTATION, 14.02.2014:

    Fotos: http://www.kunstgeschichte.hu-berlin.de/fotogalerie/

    Presse: http://www.rbb-online.de/kultur/beitrag/2014/02/Horst-Bredekamp-ueber-den-Galileo-Sternenbote-Skandal.html

    http://www.tagesspiegel.de/wissen/spektakulaere-galileo-faelschung-tatort-sternenbote/9491046.html

    http://www.pressebox.de/inaktiv/humboldt-universitaet-zu-berlin-0/Der-gefaelschte-Galileo-Der-New-Yorker-Sternenbote-neu-analysiert/boxid/658543

    http://www.spektrum.de/alias/gefaelschtes-galileo-werk/eine-neue-dimension-der-faelschung/1223605

  • Matteo Burioni
    11.02.2014 09:59
    Tomaso Montanari

    Kleine Ergänzung: Im August 2013 hat Tomaso Montanari (http://www.ilfattoquotidiano.it/2013/08/28/saccheggio-dei-girolamini/694655/) die Plünderung der Girolamini-Bibliothek im Neapel publik gemacht.

  • Franz Hefele
    31.01.2014 10:02
    Vielen Dank ...

    ... für die Zusammenstellung!

  • Gábor Endrődi
    30.01.2014 10:50
    Der Beitrag von Schmidle...

    ... ist im vollen Umfang hier zu lesen: http://archives.newyorker.com/?i=2013-12-16#folio=062

    • Ch.D.
      10.02.2014 12:07
      Nicht ohne 'Digital Subscription'

      Prof. Gábor Endrődi writes, „Der Beitrag von Schmidle... ... ist im vollen Umfang hier zu lesen: http://archives.newyorker.com/?i=2013-12-16#folio=062“. However, before reading, one encounters here a paywall requiring a subscription to The New Yorker. The least expensive option appears to be a six-month digital subscription for $34.65, payable only with one of four American credit cards. Elsewhere it appears that it may be possible to acquire single digital back issues, but how this opition is executed remains unclear.
      Buchvorstellung und Podiumsdiskussion ‚Galileos New Yorker Sternenbote von 1610 neu analysiert’, 14.02.2014, Humbolt-Universität, Berlin, 18-20 Uhr: Eine Veranstaltung mit dem Galileo-Forschungsteam aus Anlass des Erscheinens von Galileo's O, Bd. 3, A Galileo Forgery. Unmasking the New York Sidereus Nuncius, edited by Horst Bredekamp, Irene Brückle and Paul Needham: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=24137&view=print

      Begrüßung Prof. Dr. Peter Frensch (Vizepräsident für Forschung, Humboldt-Universität zu Berlin) und Dr. Sven Fund (De Gruyter, Berlin).
      Kurzbeschreibung: „Galileo's O, Bd. 3, ist in der Buchgeschichte ohne Vorbild. Ein Kreis von Spezialisten der Kunst-, Buch-, Wissenschafts-, Material- und Restaurierungsgeschichte korrigiert in diesem Werk die eigenen Ergebnisse der ersten beiden Bände, in deren Zentrum das New Yorker Exemplar von Galileis "Sternenboten" (Sidereus Nuncius) von 1610 stand, das sich als eine Fälschung erwiesen hat. Indem Bd. 3 die Chronologie und die Methoden dieser Entdeckung beschreibt, könnte er eine Art Wasserscheide darstellen im andauernden Wettstreit zwischen den fortwährend verfeinerten Methoden von Fälschern und den angewandten Praktiken, ihnen auf die Spur zu kommen. Das Buch ist schließlich ein Psychogramm von Spezialisten, die gleichsam gegen sich selbst forschten, um vergleichbare Irrtümer in Zukunft zu vermeiden.“
      De Gruyter has announced that the book will appear in an open access format.
      The merit of ‚unmasking’ or exposing the New York exemplar of the Sidereus Nuncius belongs, of course, to Nicolas Wilding. The high-tech Raffinesse of the forgery is belied by the more than 10 ‚give-aways’, almost misprints, found on the title page alone. All are identfiable by the unaided naked eye, although they escaped the notice of the Berlin research group: see Nicolas Wilding’s slides, in: http://www.finebooksmagazine.com/fine_books_blog/2013/12/lc-authenticity-symposium-a-brief-report.phtml ; see ‚Wilding’s slides’, where each discrepancy is demonstrated by simple visual comparisons with authentic titlepages of the Sidereus.
      Die ersten beiden Bände von Galileo's O, ed. Horst Bredekamp, Berlin: Akad.-Verlag, 2011 - ISBN: 978-3-05-005095-9 - sind in der Bibliothek des Zentralinstituts für Kunstgeschichte, München, nicht vorhanden.
      Eine erweitere Fassung des Blogs, „Im Hortus Conclusus der deutschen Kunstgeschichte“ erscheint demnächst bei storiedellarte.com.

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