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Fluxus in Stuttgart – Dokumente vergangener Kunst

Gastbeitrag von Philipp Müller

Zum 50-jährigen Jubiläum der Fluxusbewegung um George Maciunas und andere namhafte Künstler wie Ben Vautier, Wolf Vostell, Yoko Ono, Dick Higgins oder John Cage, widmet die Stuttgarter Staatsgalerie diesem Kunst- und Künstlerphänomen aus den 60er Jahren seit dem 1.12.12 bis zum 28.4.13 eine Sonderausstellung, die am Ende in Größe und Umfang überschaubar bleibt. Exponiert werden Objekte, Bilder, Videos und Dokumente der realisierten oder in manchen Fällen bloß Idee gebliebenen Ereignisse der Bewegung, teilweise aus der Sammlung von Hanns Sohm, teilweise aus dem Nachlass von George Maciunas. Ohne Zweifel sind es die Werke und Ideologien dieser Zeit wert, besondere Aufmerksamkeit zu erfahren. Zumal die Wichtigkeit der Bewegung beispielsweise für den durch die Moderne veränderten und sich nach wie vor verändernden Werkbegriff vom statischen Abbild, gefangen in einem Rahmen, zum singulären und einzigartigen Moment, das nicht reproduziert werden kann, offensichtlich ist.

Mit der Hinwendung zur Fluxuskunst in den geschlossenen Räumen eines Museums allerdings gehen einige Problemstellungen einher.

Was bleibt übrig von dem, was alleine Ereignis war?

Und: Auf welche Weise kann man das Übriggebliebene zusammenstellen und präsentieren, damit der Besucher entweder bestmöglich über die Verbindung der Objekte und dem Netzwerk der Künstler informiert wird, oder die Wirkung gewesener Kunst vielleicht heute noch spüren kann? Ist es überhaupt möglich, eine „ursprüngliche“ Wirkung durch die Dokumentation bestimmter Ereignisse zu transportieren oder muss man sich kompromissbereit damit zufrieden geben, dass das einzig Mögliche die rein informative Dokumentation dessen ist, was sich damals abspielte, und im besten Fall jetzt selbst irgendeine Wirkung entfaltet?

Es bleibt eine ungleich schwierige Aufgabe, Aktionskunst überhaupt in den musealen Raum einzubinden oder Happenings auszustellen, die nicht selten selbst als eine im Vollzug gegen einen elitären Kunstraum gerichtete Kunst intendiert waren. Form und Inhalt der Fluxuskunst erfordern in jedem Fall ein höheres Maß an Sensibilität und Minutiösität in der Zusammenstellung der Dokumente und Objekte.

Bei einem besonderen Thema, wie es das Gebiet der Fluxuskunst eins ist, erwartet der Besucher eine Ausstellungsform, die der Art der Umsetzung der damaligen Kunst zumindest etwas ähnelt. Übertragen bedeutet das in diesem Fall, dass der Besucher eine etwas weniger sterile und eine eher auf die konventionelle Hängung von Bildern und Objekten verzichtende Präsentation erwartet, die das Skurrile, Bizarre, Rebellisch-Dynamische und Subtil-Humorvolle der Werke der Fluxuskünstler deutlicher hervorhebt.

Kurz gesagt: Der Besucher erwartet etwas mehr Action, Musik, Bewegung und Leben, ganz nach dem Credo „Kunst ist Leben, Leben ist Kunst“.


An dem ausgestellten Künstlerkanon liegt es nicht, dass der Raum mehr still steht als lebendig zu werden scheint. Vertreten sind die bedeutendsten Namen der Bewegung, denen gleichsam genug Platz eingeräumt wird. Der Rundgang beginnt mit Übermalungen von Wolf Vostell, einem nicht in die Tat umgesetzten Plan zu der künstlerischen Stadtrundfahrt „cityrama“ in Köln und einem in Plexiglas eingesetzten herkömmlichen Tortenboden mit der Aufschrift „Notstandsbordstein“. Hierbei zeigt sich ein weiteres sich durch große Teile der Ausstellung ziehendes Problem, dass Hintergründe, der Ort des Geschehens und Zweck des Objekts oft nicht ausreichend beschrieben werden. Schlägt der Besucher im Katalog nach, um über den „Notstandsbordstein“ mehr zu erfahren, begegnet ihm folgendes: Nr. 16.14 Notstands-Bordstein, 1967 Handelsüblicher Tortenboden in Plastikverpackung mit gelbem Aufkleber „Ich bin ein Ordner“.

Über den circa 150 Seiten starken Ausstellungskatalog lässt sich generell sagen, dass den einzelnen Künstlern zwar nach einem ausführlichen Einführungskapitel jeweils ein bis zwei Seiten zukommen, die Ausstellungsobjekte aber weitestgehend unbefriedigend knapp nur Erwähnung finden.


Weiter führt der Gang durch den Museumsraum zu einer einladend großen und breiten Wand mit Plakaten und anderen Arbeiten von Ben Vautier, die das Thema der Totalen Kunst behandeln. Werke, die „no art“ proklamieren, selbst aber im engen Kontext von Kunst stehen, im künstlerischen Rahmen stattfinden, öffnen eine riesige Reflexionsebene für den Betrachter und die Werke selbst. Zwischen art und no art bewegt sich das den Rahmen zu sprengen versuchende Werk unter der Totalen Kunst, in der alles Kunst ist, auch das nichts. Unglücklicherweise wurden recht unpassend manche Plakate, die ursprünglich nicht gerahmt waren, nun für diese Ausstellung tatsächlich gerahmt. Zwar wurde dafür ein sehr unauffälliger, heller Holzrahmen verwandt, der aber in diesem Fall leider doch seine Funktion der Begrenzung eines Objektes erfüllt, wohingegen das Objekt versucht für einen flüchtigen Moment das Grenzenlose der gezeigten Kunst, die eben alles ist, aus sich heraus zu winden.


An diesem Punkt angekommen lässt sich unter anderem der Untertitel der Ausstellung „Antikunst ist auch Kunst“ diskutieren.

Der Begriff „Anti“ ist doch ein recht aggressives Wort, das eher eine exklusive Haltung gegenüber allem, was nicht „Antikunst“ ist, suggeriert, als es beispielsweise der Begriff der „Nicht-Kunst“ macht. In der Fluxusbewegung wird eher eingeschlossen als ausgeschlossen, zumindest in den Botschaften der Künstler und Werken. So sind an manchen Stellen, besonders wenn es dem Künstler explizit um diese kunsttheoretische Fragestellung geht, bei Ben Vautier im Speziellen, Ausstellungstitel, Ausstellungsobjekt und Objektbeschreibung ab und an inkongruent. Bei Vautiers gerahmter Glasplatte „no art“ zum Beispiel wird der Objekttitel in der Objektbeschreibung mit „Nicht-Kunst“ in Verbindung gebracht, nicht mit „Antikunst“. Absolut treffend und sinnvoll ist hingegen Platzierung und Aufmachung von Dick Higgins „symphony no. 462 – this too shall pass“ auf der Rückseite der Wand mit Dokumenten über John Cages Werk „4:33 min“. Hier zeigt sich auch der feine Humor der Fluxuskünstler: Notenblätter, beschossen von einem Polizisten, ergeben eine zufällige musikalische Komposition für verschiedene Instrumente.

Angrenzend dazu kann der Besucher das Werk „Global Groove“ von Nam June Paik, in dem unter anderem auch Charlotte Moorman zu sehen ist wie sie auf Fernsehgeräten und Menschen Cello spielt, mit erleben und sich endlich für eine Aktion frei und zugänglich machen. Die medienkritische und gesellschaftsreflexive Videoinstallation, in der durch das Zappen zwischen verschiedenen Sendern auf der Welt die Unfähigkeit des Menschen, die unendlich vielen Parallelprozesse gleichzeitig auf- und wahrzunehmen, angezeigt wurde, besitzt eine magnetische, beinahe halluzinogene, hypnotische Wirkung und verleiht dem Museumsraum eine lebendige, aufhellende Note.


Für das Zentrum der Räumlichkeit wurde eine Ausstellung in der Ausstellung konzipiert. Eine sehr gute und an den reflexiven Arbeiten der Künstler orientierte Idee und Installation aus von der Decke hängenden Photos, Briefen und Karteikarten mit Informationen zu Aktionen und Werken der Fluxusjahre. Auf einem i-Pad sollte der Besucher in einer Datenbank weitere Informationen abrufen und sich den Dokumenten entsprechende Videoaufzeichnungen ansehen können. Allerdings funktioniert seit Beginn der Ausstellung im Dezember alleine die Datenbank, nicht aber die Videos, was zu bedauern ist.


Sehr interessant ist die gesondert gestellte Abteilung „mail art“. Wie groß, weitreichend und fein gesponnen das Netzwerk der unentwegt in Verbindung stehenden Künstler des Fluxuskollektivs war, wird in ausgewählten Exzerpten anschaulich dargestellt.

Etwas versteckt hängen Schwarzweißphotographien mit Ausschnitten aus Yoko Onos Aktion „cut piece“ von 1965, bei der Besucher die Kleidung Yoko Onos zerschneiden durften bis sie ihre äußerliche Hülle abgelegt hatte und entblößt auf einem Stuhl in der Bühnenmitte saß.

Ähnliche Transparenz hätte man sich an mancher Stelle in Bezug auf die Hintergründe einzelner Ausstellungsstücke gewünscht, alles in allem bleibt die Ausstellung aber einen kurzen Besuch wert. Bedenkt man, dass die Rezeptionsgeschichte der Fluxusbewegung noch relativ jung ist, lässt sich in der Staatsgalerie Stuttgart doch einiges Interessante und Spannende in Erfahrung bringen: sowohl optisch, als auch inhaltlich.

3 Kommentar(e)

  • Hubertus Kohle
    26.02.2013 08:11
    Das stimmt ...

    ... aber ich gebe zu, dass ich meistens zu faul bin, den bei diesem CMS ziemlich großen Aufwand zu betreiben, Bilder hochzuladen.

  • A.M.
    15.02.2013 18:11
    Bilder?

    Eine Rezension ohne Bilder? Bilder bekommt man ja immer sehr leicht über die Presseabteilung des jeweiligen Museums.

    Mir fällt leider immer wieder auf, dass in diesem Blog das Medium Internet nicht wirklich genutzt wird. Bilder könnten eingefügt, Videos eingebunden werden etc. Und manchmal wundere ich mich auch über Verlinkungen zu Wikipedia, statt vielleicht zu anderen interessanten Beiträgen in anderen Blogs, Zeitungen etc.

  • IB
    14.02.2013 15:33
    Cut Piece auch in Frankfurt

    Eine kleine Ergänzung: Yoko Onos Cut Piece ist auch in Frankfurter Ausstellung zu sehen, die heute Abend eröffnet wird. In Onos Anweisung heißt es: "Piece ends at the performer's Option". Auf den Schlussbildern der Ausführung von 1965 sieht man sie in der zerschnittenen Kleidung, die sie über der Brust festhält.

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