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Höherer Mehrwertsteuersatz auf Kunst?

Die Europäische Kommission verlangt, dass Deutschland binnen zwei Monaten den ermäßigten Mehrwertsteuersatz auf Kunst (7 %) aufzuheben hat. Begründung: Wettbewerbsverzerrung. In Zeiten, wo die meisten Galerien schwer zu kämpfen haben und Künstler kaum über das Existenzminimum kommen - die Erfolgsmeldungen in den Medien betreffen ja nur ein Bruchteil aller Händler und Kunstwerke - ist diese Begründung absurd.

 

Die Künstler protestieren bereits über die sozialen Netzwerke, eine Reaktion des Galeristenverbandes folgt, auf artnet sind schon einige Kommentare eingestellt. Der Vorsitzende und Sprecher des Bundesverbandes Bildender Künstlerinnen und Künstler (BBK), Werner Schaub, hat bereits am Montag mitgeteilt:

 

"Käme die Bundesregierung der Aufforderung der EU-Kommission nach, den ermäßigten Mehrwertsteuersatz für Kunstgegenstände abzuschaffen, nähme sie eine weitere drastische Verschlechterung der ohnehin überwiegend prekären Lage der Kulturbranche in Kauf. Dies bedeutete eine Gefährdung kultureller Vielfalt, zu deren Schutz sich die Bundesregierung mit der Ratifizierung der UNESCO-Konvention über den Schutz und die Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen verpflichtet hat. Es rächt sich jetzt, dass Kunst und Kultur nicht von vornherein in die EUListe der steuerlich zu privilegierenden Güter aufgenommen wurden. Kulturpolitik ist originäre Aufgabe der EU-Mitgliedsstaaten. In diesem Sinne fordern wir die Bundesregierung auf und appellieren insbesondere an Bundesfinanzminister Schäuble und Kulturstaatsminister Neumann, sich weiterhin für den Erhalt des ermäßigten Mehrwertsteuersatzes für alle Kulturgüter, auch für Kunstgegenstände, einzusetzen."

 

Der Kulturstaatsminister hat inzwischen die Forderung der EU-Kommission zurückgewiesen.

 

 

4 Kommentar(e)

  • IB
    08.03.2012 08:24

    Wie groß die Belastung für Künstler und kleinere Galerien sein wird, war gestern in 3 Sat Kulturzeit zu sehen:
    http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=29794

    Übrigens muss man die Mehrwertsteuer vorauszahlen (für die, die dieses nicht wissen). Das betrifft Händler und Produzenten gleichermaßen. Den Protest kann man unterstützen auf dieser Facebook-Seite:

    http://de-de.facebook.com/7statt19

  • Levin Rosenblüth
    05.03.2012 13:37

    Ja, ich würde auch für Bücher mehr zahlen wollen! Der reduzierte Steuersatz für gedruckte Bücher kommt genauso wenig den Autoren - also den Urhebern - zugute wie Künstlern. Es sind diejenigen, die mit Büchern oder Kunst handeln, also Verlage, Buchhändler (wie z.B. Amazon, Thalia, Hugendubel und der Buchhändler an der Ecke), Galerien sowie Kunsthandlungen, die überwiegend den Preisvorteil für sich in Anspruch nehmen können. Im Übrigen habe ich bereits unter http://www.knutschpapagei.de/2012-03-03/einerlei-kunstmarkt-reagiert-empoert/ zu den Reaktionen der Kunstszene Stellung bezogen.

    Zu Ihrem Argument, dass nur Stipendien für junge Künstler ausgelobt werden und nicht für ältere, ist ohne Frage ein Manko. Ein normaler Mehrwertsteuersatz auf jedes Kunstwerk ändert aber nichts an diesem Fehler im System, in dem ausschließlich nach jungen Künstlerinnen und Künstlern nicht älter als 30 bis 35 Jahre gefahndet wird.

    Auf Grundnahrungsmittel sollte selbstverständlich weiterhin nur die reduzierte Umsatzsteuer aufgeschlagen werden. Ihre Gleichsetzung von für die Existenz unbedingt notwendige Lebensmittel mit Büchern und Kunst mag zwar den Attitüden der Kunstszene entsprechen, dass Kunst genauso lebensnotwendig ist wie Luft, Wasser und Brot. Es entspricht aber nicht dem realen Leben auf der Welt.

  • IB
    03.03.2012 19:02

    Ich merke, Sie arbeiten nicht in der Praxis, sonst würden Sie anders argumentieren.
    "Das bedeutet, dass jeder Kunsthandelnde bislang 12% seiner Käufe und Verkäufe in die eigene Tasche streichen kann, während ein Möbelhaus oder Tischler die volle Umsatzsteuer an den Fiskus abzuführen hat."
    Das ist falsch, denn ein höherer Steuersatz würde nun auf die Kunstwerke aufgeschlagen. Die Kunden und Sammler sind aber zurzeit im Rabattwahn, verlangen Nachlässe von bis zu 40 %, da kann man kaum die Preise erhöhen ...

    "Den unterstützendswerten Künstlern nützt also die reduzierte Mehrwertsteuer gar nichts, da sie eh nur geringe Umsätze haben. Diesen Künstlern ist mit Stipendien sehr viel mehr geholfen, die der Staat von einem Teil der Mehreinnahmen zusätzlich ausloben könnte." Ein fünfzigjähriger Künstler, der von seiner Kunst halbwegs leben kann, wird kaum Chancen auf Stipendien haben. Sprechen Sie mal mit Künstlern dieses Alters.
    Die "üppig ausgestatteten Kunstmarktteilnehmer", von denen Sie schreiben, stellen nur einen winzigen Teil der Marktteilnehmer. Lassen Sie sich nicht von Pressemeldungen blenden!
    Übrigens: Lebensmittel, Ihre Currywurst an der Ecke und Bücher sind ebenfalls vergünstigt. Würden Sie auch gerne mehr für Bücher und Lebensmittel zahlen?

  • Levin Rosenblüth
    02.03.2012 17:19

    Die reduzierte Umsatzsteuer auf Kunst- und Sammlerwerke ist Klientelpolitik und die Reaktion von Werner Schaub fußt auf einer egoistischen Interessenpolitik für einen kleinen Teil der Gesellschaft, ohne dabei das Wohl der gesamten Gesellschaft zu berücksichtigen. Nicht den Künstlern am Existenzminimum wird durch die 7% auf Kunstwerke geholfen, sondern den etablierten Sammlern, Antiquitätenhändlern, Galeristen und Kunstschaffenden. Die Kunst wird durch den gleichen Mehrwertsteuersatz wie auf Autos und Kühlschränke nicht entehrt, sondern schafft Steuergerechtigkeit. Holt in Deutschland die Kunst aus ihren elitären Sphären und schafft den reduzierten Mehrwertsteuersatz im Kunsthandel ab! Meine ausführliche Begründung ist unter http://www.knutschpapagei.de/2012-02-28/einerlei-hoehere-umsatzsteuer-fuer-kunstwerke/ zu finden.

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