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Riskante Restaurierung des Isenheimer Altars

 

Der berühmte Isenheimer Altar von Matthias Grünewald, der sich im Unterlinden Museum in Colmar befindet, wird einer Restaurierung unterzogen. Initiiert von einem Artikel Didier Rykners in der Tribune de l'art, der gestützt auf Expertenäußerungen die Notwendigkeit der Restaurierung und die mögliche Gefährdung der Malsubstanz thematisierte, hat sich in Frankreich seit einigen Tagen eine lebhafte Diskussion über die ergriffenen und noch vorgesehenen Maßnahmen ergeben (siehe die Links im o.g. Artikel). Über den konkreten Fall hinaus stellt sich die interessante, auch für Deutschland relevante Frage, ob die wissenschaftlichen Öffentlichkeit fähig ist, zeitnahe solche Situationen zu diskutieren und dazu beizutragen, Gefährdungen von Kunstwerken zu vermeiden.

 

Die Museumsleitung stellte ihre Restaurierungspläne , die von 2011-13 umgesetzt werden , am 26.4.2011 vor. Das Werk soll fast durchgängig ausgestellt bleiben. Hauptargumente für die Restaurierungen waren, daß nur alter Firnis und einige spätere Übermalungen entfernt würden, um die Lesbarkeit des Gemäldes zu ermöglichen. Die Eingriffe begannen im Juli auf den Tafeln Peinigung des heiligen Antonius und Begegnung des Hl. Antonius mit Paulus Eremita . Didier Rykner erhob dagegen mehrere Einwände: die Entfernung des Firnis erfolge mit einer überholten Methode, die durchaus Gefahren für die Malschichten beinhalte; ein wissenschaftliches Komitee (darin u.a. Bodo Brinckmann) umfasse keine Restaurierungsspezialisten und sei erst nach den ersten Eingriffen konsultiert worden; damit mache man den Altar unverantwortlicherweise zum Versuchsobjekt; die Restaurierung sei mit einer temporären Ortsveränderung verbunden, was Risiken beinhalte. Wie er in einem späteren Artikel erklärte, äusserten sich verschiedene Experten ihm gegenüber sehr kritisch zu den Restaurierungen, wollten aber aus (falsch verstandener) Kollegialität damit nicht in der Öffentlichkeit zitiert werden.

 

Es wäre interessant zu erfahren, ob und wie sich deutsche Kunsthistoriker und Restaurierungsspezialisten an dieser Debatte beteiligen.

 

2 Kommentar(e)

  • he
    10.08.2011 15:45

    p.s. Die Chronik der Ausstellung "Der Naumburger Meister" in der gleichen Zeitschrift hat mich aber auch beeindruckt! :)

  • he
    10.08.2011 15:42

    Das ist wirklich sagenhaft! Die Diskussion in "La Tribune de l'Art" habe ich auch gebannt verfolgt. Es ist unfassbar! Man stelle sich vor, jemand würde anfangen, über Nacht an dem Genter Altar herumzupinseln! Das gäbe vielleicht einen Aufstand! Ich weiß gar nicht, wie so etwas möglich ist? In Deutschland ist mir kein ähnlicher Fall bekannt. Da fängt doch niemand an, an dem Schrein der Heiligen Drei Könige (oder an dem daneben stehenden Lochner-Altar) im Kölner Dom herumzuwerkeln! Sagenhaft!

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