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Graphische Sammlungen - wer soll sie wohin leiten?

Bernhard Maaz wird in Kürze sowohl Direktor der Gemäldegalerie Alte Meister als auch Direktor des Kupferstich-Kabinetts der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden werden. Dies gefährde, nach Meinung von Sergiusz Michalski (FAZ 23.9.2009), „die letzten Überreste bildungsbürgerlicher Institutionen“ und sei für Deutschland ein Dammbruch, da erstmals das bewährte Prinzip der Leitung graphischer Kabinette durch langjährig in Graphiksammlungen geschulte Forscher aufgegeben werde. Es ist eine spannende Frage an Kunsthistoriker in Universitäten und Museen, ob diese Problemanalyse zutrifft. Kann die von Michalski geforderte zunftsmässige Reservierung von Leitungsfunktionen für Graphik-Fachleute wirklich diese Institutionen retten?

 

Die graphischen Kabinette in Deutschland hatten schon 2007 ein alarmierendes Memorandum formuliert, in dem sie an ganz anderer Stelle eine existenzielle Gefährdung erkannten.  Kernproblem sei die distanzierte Haltung von Publikum und auch des kunstgeschichtlichen Fachpublikums „zum unmittelbaren Umgang mit dieser Art von Kunst, aber auch der Verlust einer selbstverständlichen Tradition und Haltung gegenüber den graphischen Künsten.“ Wenn der Generaldirektor der Dresdner Museen Roth in der zukünftigen Doppelfunktion von Maaz die Chance einer "stärkeren inhaltlichen Bündelung" und damit Reduzierung dieser Distanz sieht, sollte man dies durchaus ernst nehmen.

 

Hierfür gibt es ein Beispiel in Frankfurt, wo Max Hollein sehr erfolgreich mehrere Museen leitet (Gemäldegalerie und graphische Sammlung Städel, Skulpturensammlung Liebieghaus, Ausstellungshalle Schirn), indem er in enger Abstimmung mit seinen Fachleuten die große Linie vorgibt und ihnen gleichzeitig für die Realisierung der Projekte die nötigen Rahmenbedingungen bietet. Die Graphische Sammlung wird vielfältig gefördert und thematisierte 2009 in einer von Fachleuten und Publikum heftig diskutierten Michelangelo Ausstellung die Problematik von Zeichnungszuschreibungen.

 

Bernhard Maaz hat als renommierter Skulpturen-Spezialist begonnen und in Berlin als Leiter der Alten Nationalgalerie gezeigt, daß er größeren Aufgaben über sein Spezialgebiet hinaus gewachsen ist. Er könnte in Dresden - gestützt auf dortige Fachleute - auch der Kupferstichsammlung neue Perspektiven geben.

1 Kommentar(e)

  • Hubertus Kohle
    09.10.2009 20:32

    Auch der Verband Deutscher Kunsthistoriker hat sich gegen die von Michalski inkriminierte Lösung gewandt (http://www.kunsthistoriker.org/dresden-graphik.html) Was die Nutzung durch das Publikum angeht: Graphische Kabinette wirken für Otto-Normalverbraucher meistens eher abschreckend. Wenn sie wirklich mehr Besucher haben wollen (aber wollen sie das wirklich?), werden sie sich mehr öffnen müssen.

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