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"Die Demokratie bringt dir Frieden und Brot" - Josef Wiener-Braunsberg in der ULK 1916-1928

Ein Gastbeitrag von Bettina Müller (Köln) für das Themenportal Caricature & Comic.

Teil 1: 1916-1919

Im Kriegsjahr 1916 trat Josef Wiener-Braunsberg zum ersten Mal in der ULK in Erscheinung, insgesamt lassen sich in diesem Jahr 14 Gedichte humoristischer Natur aus seiner Feder nachweisen:

1917 wurde er Redaktionsmitglied unter dem Chefredakteur Fritz Engel, wobei seine Werke zu dieser Zeit weiterhin eher humoristischer Natur waren. Die Sorgen und Nöte der kriegsgeschwächten Bevölkerung ließen keinen Platz für satirische Spitzen, die Themen, die sie beschäftigten waren völlig anderer, existentieller Natur. Ab 1918 änderte sich der Tenor in Wiener-Braunsbergs Versen, sie gerieten zunehmend zu einer persönlichen Aufarbeitung der Geschehnisse mit wenig subtilen Anspielungen auf seine politische Gesinnung.

Die Diktatur der Junker und des Militarismus hat unser Land ins Unglück gestürzt. (Auszug aus einer Rede des Volksbeauftragten Friedrich Ebert v. 1.12.19)

Am Ende des Jahres 1918 kam es, als die Kriegs-Niederlage Deutschlands immer deutlicher näher rückte, im Land zu schweren revolutionären Unruhen. Seit 30.9.1918 war Deutschland parlamentarische Monarchie mit einem Kaiser an der Spitze, der nur noch repräsentativ handeln durfte. In Kiel verweigerten Matrosen ihren Vorgesetzten den Gehorsam, als sie trotz Waffenstillstandsverhandlungen seitens der Regierung (zum ersten Mal auch mit der SPD) den Befehl zum Angriff auf die britische Flotte erhielten. Die Protestbewegung dagegen weitete sich innerhalb kürzester Zeit auf das ganze Land aus, es bildeten sich in ganz Deutschland Arbeiter- und Soldatenräte, die zunehmend auch politische Forderungen stellten. Prinz Max von Baden, seit 3.10.1918 Reichskanzler, verkündete am 9.11.1918 den Rücktritt Kaiser Wilhelms II. Sein Kanzleramt übernahm Friedrich Ebert von der SPD, der einen Tag später den aus Anführern der SPD und der 1917 von der SPD abgespaltenen USPD gebildeten "Rat der Volksbeauftragten" als neue Regierung mit der Staatsform der parlamentarischen Republik bestimmte. Am 11.11.1918 unterzeichnete der Abgeordnete der Zentrumspartei, Matthias Erzberger, den Waffenstillstand. Im Dezember 1918 wurde auf einem Kongress mit Vertretern aller Arbeiter- und Soldatenräte die parlamentarische Demokratie als neue Staatsform bestimmt und für den 19.1.1919 die Wahl zur Nationalversammlung festgelegt, die die neue Verfassung ausarbeiten sollte. Die USPD schied aus dem Rat der Volksbeauftragten aus, kurze Zeit später erfolgte die Gründung der KPD, die zum "Spartakusaufstand" aufrief, die u.a. den Sturz Eberts zum Ziel haben sollte. Der Aufstand wurde jedoch durch Reichswehr und Freikorps niedergeschlagen und die Anführer Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg von Mitgliedern der Gardekavallerie-Schützendivision erschossen.

Noch im August war die Stimmung im ULK euphorisch gewesen, die Freude über die neu erwartete Freiheit überwiegte, die nach den schweren Kriegsjahren idealerweise alle Zwänge der Monarchie und Militarismus hinter sich lassen sollte. Der Anfang der dritten Strophe, "Nimmer wohnst du in Kasernen/Unter starrem Drill und Zwang" war jedoch trügerisch, denn genau auch diese Kräfte lebten in manchen Teilen der Bevölkerung weiter und sollten sich nicht zuletzt zu einer Bedrohung von rechts entwickeln.

Neuer Geist (ULK Nr. 44 v. 1.8.1918, S. 174)
Was das Schicksal auch beschließe,
Wenn der Würfel rollt und fällt,
Wie ich jubelnd dich begrüße,
Neuer Geist der deutschen Welt,
Neuer Geist, der du, geboren
In den Stunden höchster Not,
Riegel sprengst an finstren Toren,
Strahlst in gold’gem Morgenrot!

Freilich nicht in Telegrammen,
Die in sicherm Hinterland
Jene Kampfbereitschaft flammen,
Die sich stets von selbst verstand:
Aus entschlossenem Beginnen
Sprichst du, das, im Wort gedämpft,
Stark nach außen, fest nach innen,
Mannhaft für die Freiheit kämpft.

Nimmer wohnst du in Kasernen
Unter starrem Drill und Zwang,
Aber auch nicht in den Sternen,
Wie es einst der Dichter sang.
Nein, in unsern eignen Taten
Werden, wenn wir für dich glühn,

"Der Sonne entgegen"; Titelseite der ULK vom 15.11.1918 (UB Heidelberg)
"Der Sonne entgegen"; Titelseite der ULK vom 15.11.1918 (UB Heidelberg)

Viele Faktoren, besonders eben auch die reaktionäre Tendenzen, die die Freiheit durch das Festhalten an Militarismus, Monarchie und Junkertum bedrohten, die extremen politischen Pole von rechts und links, waren prägend für die Weimarer Republik mit einer schnellen Abfolge von Aufständen und Putschversuchen, die eine politische und gesellschaftliche Stabilisierung zunächst unmöglich machten. Die gegenseitigen politischen Pole, aber auch andere Kräfte in Gesellschaft und Staat gingen in der Regel kaum oder nur minimal aufeinander zu. Die wilhelminischen Eliten und ihre militaristischen Kräfte warfen noch lange große Schatten auf die Anfangsjahre der Republik, die die zum Teil schwachen Führungskräfte nicht bekämpfen konnten. Als ein ebenfalls hinderliches, sozusagen zum Volkscharakter der Deutschen zugehöriges Obrigkeitsgefühl könnte man dieses Gedicht deuten:

Junkers Schlummerlied (Dem kleinen Michel gewidmet) (Nr. 31/1917, S. 227)
Schlaf’, Herzensmichel, nun schlaf’ wie zuvor,
Ziehe die Mütze dir tief übers Ohr!
Draußen durchstreifen, gib, Michelchen, acht,
Demokratische Wölfe die Nacht.
Wenn um die Hütte das Wetter auch stürmt,
Schlafe nur friedlich, gar treulich beschirmt.
Schickst deine Schifflein von Strand zwar zu Strand,
Baust deine Bahnen von Land zwar zu Land.
Dichtest und denkst, schreibst die Finger dir steif,
Doch für die Freiheit ist Kindlein nicht reif.
Schlägst du in Ost auch und West kräftig drein,
Mußt du zu Hause gegängelt sein.
Eia popeia! Mein Michelchen, schlaf’!
Junker ist Hirte und du bist das Schaf.
Schlaf’, Herzensmichelchen, schlafe in Ruh’,
Schlafe, ja schlafe – ja schlaf’ immerzu!

Kurt Tucholsky, von Dezember 1917 an Chefredakteur des ULK und Vorgänger Wiener-Braunsbergs, hatte in der zweiten ULK-Ausgabe vom 17.1.1919 den zu erwartenden politischen Standpunkt des Blattes unter seiner Leitung klar definiert. Dieser politische Tenor wurde von Josef Wiener-Braunsberg in den weiteren Jahren seiner Tätigkeit für den ULK konsequent beibehalten.

Denk an die Zukunft des Deutschen Reiches! Wir stehen in der Mitte!

1919 wurde Friedrich Ebert zum Reichspräsidenten und Philipp Scheidemann zum Ministerpräsidenten gewählt. Die der Weimarer Republik namensgebende Nationalversammlung fand aus Sicherheitsgründen in Weimar statt, da man in Berlin mit weiteren Unruhen rechnete. Wiener-Braunsberg schrieb in der ULK zum ersten Mal auch Antikriegsgedichte, was an dem Einfluss Kurt Tucholskys gelegen haben mag, mit dem er das ganze Jahr über in der ULK-Redaktion zusammen arbeitete. In dem Gedicht "Die Hetzer" benannte Wiener-Braunsberg konkret z.B. General Eduard von Liebert (1850-1934) als Synonym für die Ewiggestrigen der Wilhelminischen adligen Soldatengeneration, die nichts aus der Vergangenheit gelernt hatten und bereitwillig weitere Heerscharen von Soldaten in den Tod führen würden, würde man sie lassen. Nach Beendigung seiner militärischen Laufbahn im Jahr 1903 wurde von Liebert Mitglied der Deutschen Kolonialgesellschaft, dem Deutschen Flottenverein und dem Deutschen Wehrverein. Noch im hohen Alter von 79 Jahren trat er fünf Jahre vor seinem Tod in die NSDAP ein.
Am 28. Juni 1919 wurde der Vertrag von Versailles von der deutschen Delegation unterzeichnet, am 11.8.1919 wurde Deutschland nach Verabschiedung durch die Nationalversammlung und anschließend erfolgter Unterschrift des Reichspräsidenten Ebert durch das Inkrafttreten der Weimarer Reichsverfassung parlamentarische Republik, die jedoch noch lange nicht stark genug, um die gegeneinander arbeitenden, sehr dynamischen politischen Kräfte abzuwehren.

Die junge Republik kann sich zunächst nicht entfalten…
"Unsere Kleine"; Titelseite der ULK vom 7.11.1919 (UB Heidelberg)
Die junge Republik kann sich zunächst nicht entfalten…
"Unsere Kleine"; Titelseite der ULK vom 7.11.1919 (UB Heidelberg)

Schwarz-rot-gold wurden die Reichsfarben der Republik, die die Farben der bürgerlich-demokratischen Nationalbewegung des 19. Jahrhunderts repräsentieren sollten. Doch die augenscheinliche neue Freiheit war nach wie vor völlig instabil und wurde von mehreren Kräften bedroht, die dem eigenen Lande und der neu gewonnenen Demokratie entgegenarbeiteten und der eine durch den gravierenden Wechsel der Regierungsform auch psychisch geschwächte und durch den Krieg traumatisierte Bevölkerung einen guten Nährboden für stark links- und rechtsgerichtete Tendenzen schuf, aber auch neue Tendenzen unter der Bevölkerung entstanden, Menschen, die – jegliches Trauma schnell überwindend – sich für eigene Zwecke daran bereichern wollten: Kriegsgewinnler, Schieber, stets beliebtes Ziel für Angriffe durch den ULK, allen voran die Schieber aus der Feder Wiener-Braunsbergs. Gefahr drohte aber nach wie vor durch die vom wilhelminischen Geist geprägten Anhänger des Militarismus, die sich, verbunden mit den aufsteigenden extrem links- und rechtsgerichteten Kräften zu einem Pulverfass entwickelten und sich langsam radikalisierten. "Auf daß der Arbeitsmann und Bürger in gleichem Streben stark und klug“ spielte nicht zuletzt auch auf das Parteiprogramm der Deutschen Demokratischen Partei an mit dem „Bekenntnis zu einem Volksstaat, in welchem die Herrschaft ausgeübt wird durch das ganze Volk, in welchem alle Klassen der Bevölkerung zur gleichen Ausübung ihrer staatsbürgerlichen Rechte und zur Vertretung ihrer verschiedenen Interessen kommen." (vgl. Frenz, Hugo (Hg.): Demokratisches ABC. Erstes politisches Handbuch nach der Revolution, unter Mitwirkung von Dr. Darmstaedter-Helversen u.a., Berlin 1919, S. 18).

Augen rechts! (ULK 19.9.1919, S. 138)
Nun habt ihr sie, die stolze Freiheit,
nun seht ihr endlich es entrollt
und flattern in der Farben Dreiheit,
das hehre Banner schwarz-rot-gold!
Der Traum aus euer Väter Tagen,
ihr unterdrückter Sehnsuchtsschrei,
er ward erfüllt. Heut dürft ihr sagen:
"Die Kette fiel, das Volk ist frei"

Nun dürft ihr eure Kräfte regen,
die Zwang nicht mehr in Fesseln schließt,
auf daß der Arbeit reicher Segen
in Haus und Hütte sich ergießt,
auf daß der Arbeitsmann und Bürger
in gleichem Streben stark und klug
die Wunden heile, die der Würger,
der Krieg, dem Vaterlande schlug! –

Doch was geschieht? Mein bittend Heischen
klingt euch wie eines Toren Wort,
ihr zieht es vor, euch zu zerfleischen
in gegenseitigem Brudermord.
Was Arbeit! – Streik sei die Parole!
Was Freiheit, Wohlstand, Vaterland!
Ist erst verbrannt die letzte Kohle,
Flammt auf der neue Weltenbrand!

Allein verzeiht! Mich will bedünken,
aus jenem Brand, den ihr entfacht,
wird keine neue Freiheit winken,
nein, auferstehn die alte Macht.
Und mags euch noch so sehr verdrießen,
ihr kommt um euer Mühe Lohn:
ihr werdet höchstens Böcke schießen,
und Haasen* fängt – die Reaktion!
 
* Eine Anspielung auf den aus Allenstein in Ostpreußen gebürtigen Politiker und Rechtsanwalt Hugo Haase, der zunächst Mitglied der SPD und dann der daraus abgespalteten USPD war. Für kurze Zeit war er Mitglied im Rat der Volksbeauftragten. Am 7.11.1919 starb er an den Folgen eines auf ihn am 8.10.1919 verübten Attentats.

Die Demokratie hatte zu dieser Zeit durch die Bedrohung von mehreren Seiten lediglich ein fragiles Fundament. Im Übrigen waren die Ziele der SPD und der DDP vom Grundsatz her unvereinbar. Ziel der DDP bzw. "sittlicher Wert" des Parteiprogramms war von Anfang an, dass es nicht bestimmte Interessengruppen und vor allem keine Klassenvertretung bzw. Klassenherrschaft bieten, sondern die Anhänger eines bestimmten "geistigen Prinzips" vereinen sollte, allesamt Individuen mit einem sozialen Gewissen. Berufs- und Standesunterschiede würden somit aufgelöst und in einem gemeinsamen Staatsbürgertum aufgehen im Gegensatz zu der Sozialdemokratie in Gestalt der SPD, die insbesondere das Wohl der Lohnarbeiterschaft im Auge habe.
 
- wird fortgesetzt –

Digitalisate der Zeitschrift ULK auf den Seiten der UB Heidelberg:
http://ulk.uni-hd.de

Literaturhinweis zu Josef Wiener-Braunsberg:
Müller, Bettina: Ein vergessener Autor der Weimarer Republik. Zum 150. Geburtstag von Josef Wiener-Braunsberg (1866-1928), in: Mitteilungsblatt der Landesgeschichtlichen Vereinigung für die Mark Brandenburg, Jg. 118 (2017) H 1, S. 3-29.

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