Beitrag

Öffentliche Kunst im nicht-öffentlichen Raum des Nahen Ostens

Gastkommentar von Wolfgang Kemp

Die lose Reihe über den Bildgebrauch im Nahen Osten möchte ich an dieser Stelle fortsetzen mit einer Betrachtung über Außenkunstwerke. (siehe hier und hier) Obwohl schon etwas länger kunstgeschichtlich aktiv, hörte ich das Wort „Außenkunstwerk“ zum ersten Mal im Zusammenhang mit den Vorbereitungen zur Documenta 2017. Ich werde es hier ein paarmal gebrauchen und danach nie wieder.

Skulpturale  Darstellungen von Lebewesen sind die verbotenste aller Kunstformen im Islam. Als der Prophet 626  Mekka wiedereroberte, musste er erst einmal 360 „Idole“ zerstören, die sich um die Kaba herum angesiedelt hatten. Dieses Zeichen wurde verstanden und streng befolgt, obwohl es den ungezählten Potentaten der islamischen Geschichte die Möglichkeit verbaute, sich wie ihre römischen Vorgänger und ihre westlichen Kollegen in übergroßen Standbildern verewigen zu lassen. Erst in unserer Zeit wurde diese Hemmschwelle überschritten und der Verstoß mehr oder minder sofort bestraft. Wenig bekannt ist das im Arabischen Frühling stark mitgenommene, Mount-Rushmore-ähnliche Gruppenporträt mit Präsident Mubarak (ganz links), seinem Vorgänger Sadat und den ägyptischen Nobelpreisträgern Zeweil und Mahfouz. Es stand bis zu seiner endgültigen Zerstörung in einem Vorort Kairos.

 

Saddam Hussein war aber wohl der erste Diktator eines islamischen Staates, der sich eine 12 Meter hohe Bronzestatue setzen ließ. Sie stand ziemlich genau ein Jahr lang, bevor die Amerikaner sie umstürzten und Iraker ihre Teile durch Bagdad schleiften und von allen mit Füßen treten ließen. Der Sockel blieb erhalten und auf ihm errichtete Bassem Hamad al-Dawiri eine Skulptur, die eine Familiengruppe zeigen soll, die gemeinsam Sonne und Mond tragen. Das hastig aus Beton geformte Außenkunstwerk hielt nur ebenso lang wie die in ihm angeblich beschworene Einheit von Sunniten, Schiitten und Kurden, die sich bis heute im Irak bekämpfen.


Die Gruppe wurde wieder beseitigt, der Sockel ist fast leer und erinnert ein wenig an den Sockel des Stalin-Denkmals in Budapest, auf dem man die Stiefel, das Symbol des Unterdrückers, stehen ließ.

 

 

Das waren Anfänge einer politischen Kunst im Außenraum, die nur wenig Mut machten. Aber mitlerweile war der Druck auf das dreidimensionale Gestalten sehr groß geworden, denn vor allem in den Golf-Staaten wurden nun Millionen von Touristen jährlich empfangen und wollten durch Brunnen, Landmarken und Kunstwerke im Außenraum angesprochen werden. Zwei Lokalitäten  wurden dabei  bevorzugt bespielt: die Corniche, die Uferstraßen der Emirate, und die omnipräsenten Verkehrskreisel.

Katar mag als Beispiel für den Umgang mit einer Corniche dienen. Der kleine Staat bereitet sich auf das Jahr 2022 vor, wenn dort, wenn es nach allen unrechten Dingen zugeht, die Fußballweltmeisterschaft stattfinden soll. Die Museumsdirektion, die unter der Leitung der sagenhaften Scheicha Al-Mayassa bint Hamad bin Khalifa Al-Thani steht, (1) hat sich das Thema Sport für Ausstellungen und Außenkunstwerke vorgenommen und als erstes mit einer Show über den Sport in der klassischen Antike angefangen: die musste nach 14 Tagen schließen. Die religiösen Autoritäten hatten Anstoß an der vielen Nacktheit genommen. (Katars Staatsreligion ist der Wahhabismus.) Draußen lief es nicht viel besser. 

 

Wer immer auf die Idee gekommen war, vielleicht Ihre Königliche Hoheit selbst, die fünf Meter große Bronze „Coup de Tête“ anzukaufen, um sie an der Corniche von Doha aufstellen zu lassen, hätte vielleicht vorher an das sportliche (nicht finanzielle) Ethos einer Weltmeisterschaft im Fach Fußball denken müssen, geht es hier doch um den Kopfstoß Zinedine Zidanes gegen seinen italienischen Kollegen Marco Materazzi bei der Weltmeisterschaft 2006. Aber das war gar nicht der Grund, warum die Skulptur nach kurzer Zeit entfernt werden musste. Die Athleten trugen zwar Dienstkleidung, trotzdem wurde das Werk als antiislamisch verstanden: einerseits natürlich wegen der realitätsnahen Abbildung menschlicher Körper (Idole), andererseits weil der Name einer Berber-Familie auf einen Muslim zu deuten schien – hätte Materazzi zu diesem unerlaubten Mittel gegriffen, wer weiß … Beim Abtransport entlang der Corniche sah das Werk freilich noch unerlaubter aus.

Es ist unmöglich, alle die Außenkunstwerke zu würdigen, die an der Corniche den verschiedenen Sportarten gewidmet sind. Katar veranstaltet zwar nicht die nächste Olympiade, aber es holt die Weltmeisterschaften und die Asienmeisterschaften in vielen Disziplinen nach Doha. Erhalten blieb bis jetzt eine skulpturale Phantasie über die von vielen als unweiblich erachtete Sportart des Hammerwerfens. Hier aber wird sie von einer Frau in Vollverschleierung ausgeübt und weltweit ausgelegt – siehe die Erdkugel. Der Warburgsche Touch, das bewegte Beiwerk einer Nympha moderna darf nicht unerwähnt bleiben.

 

Ich komme zum Verkehrskreisel. Im Arabischen Frühling tauchte an zwei verschiedenen Orten und wahrscheinlich unabhängig voneinander der Slogan auf: „Tahrir is not a square“. Die Aktivisten hatten auf eine sehr wörtliche Weise recht: Der Tahrir-Platz in Kairo ist ein Verkehrskreisel, und als solcher weder rechteckig noch wie ein Platz im europäischen Sinne als öffentlicher Raum gedacht. Derartige Plätze gehören nicht zum Repertoire der traditionellen arabischen Stadtgestalt, die ganz nach innen und abgeschlossen und nicht durchgängig angelegt ist. Der Verkehrskreisel Tahrir passt dagegen sehr gut zu einem Teil der Stadt, der auch „Paris am Nil“ genannt wird – obwohl an dieser Stelle lange Zeit eine Kaserne stand. Für die Zwecke des Arabischen Frühlings wurde der „Platz“ umfunktioniert und sah bald wie ein Zeltlager oder ein Bazar aus. (Die Formel „Tahrir is not a square“ wollte natürlich etwas Anderes sagen - keinem Revolutionsplatz hat poststrukturalistisches Denken „diskurstheoretisch“ so zugesetzt wie diesem: Die Kreisform des „square“ erzeuge „self-generating circles that become spheres … These spheres are like soap: slippery and forming bubbles that take tot he sky and defy gravity.“ [2] Bubbles könnte man auch über diese Art des Denkens schreiben. Jede Revolution stürzt Begriffe, Bedeutungen, Konzepte und formuliert sie um: das ist überhaupt nichts Neues, genauso wenig wie die langfristige Okkupation des Platzes.) 

Als die Golfstaaten zu Reichtum und Selbständigkeit gelangten, schufen ihre Städtebauer weiterhin keine Plätze. Heute, nach den Erfahrungen des Arabischen Frühlings ist dieses Format geradezu undenkbar geworden. Stadtplanung ist gleichbedeutend mit verkehrsreichen Durchgangsstraßen und größtmöglicher Beschneidung des öffentlichen Raums. Menschenversammlungen sind im statischen Zustand nur vertikal und separat erlaubt: in Hochhäusern. Aber es bleiben diese Verkehrskreisel. Die „Kreiselitis“, wie sie sich erst in den 90er Jahren in der BRD langsam ausbreitete, war in Frankreich schon lange der Vorbote fortschrittlicher Verkehrsplanung. Und sie befiel auch die arabische Welt. Da der Kreis in der Mitte weder erreichbar war, noch genutzt werden sollte, stellte man in ihm Außenskulpturen auf, abstrakte, meist symbolische Landmarken. In Sahar, einer Stadt in Oman stand in der Mitte des Globe Roundabout ein hochhaushoher Sockel und auf ihm ein nachts beleuchteter Globus.

 

Hier allerdings führte ein Weg über die Grünfläche bis zum Monument , vor dem sich Touristen und heimische Festgesellschaften fotografieren ließen. Andere Roundabouts in Sahar und weiteren Städten Omans waren weniger anspruchsvoll bestückt: Riesige Tee- und Kaffeeservice signifizierten Nationalgetränke.

 

In Bahreins Hauptstadt Manama stand in der Mitte des  Pearl Roundabout eine Konstruktion aus Spangen, die eine Kugel hochhielten, eine Perle, die Erinnerung an die Zeit, da die Insel ein Standort von Perlenfischern war. Noch heute gehören zu den großen Events am Golf Perlentauchwettbewerbe.

 

Viel reizvoller und näher am Gegenstand Perle ist das entsprechende Monument an der Corniche von Doha, das von einem kleinen Kreisel umzirkelt wird.

Es fällt auf, dass die Schöpfer der Landmarken das Thema Kreis und Kugel sehr ernst nehmen. Hier noch ein Beispiel aus Dschiddah, das Al-Falak Roundabout, dessen Gestänge Kugeln auffängt, aber selbst auch von einer Kugel zusammengehalten wird.

 

 

Man darf vermuten, dass nicht nur die Analogie Verkehrskreisel-Rundform angestrebt, sondern auch die große islamische Idee von Harmonie und Zusammenhalt angetönt wird. Beim Pearl Roundabout von Manama muss man hinzunehmen, dass Bahrein zwar nicht zu den Emiraten gehört, aber der Künstler möglicherweise an die Einheit der arabischen Welt dachte  und dies wenige Seemeilen entfernt vom Erbfeind Iran.

Ich habe in Bezug auf die Außenkunstwerke in Bahrein und Oman die Vergangenheitsform benutzt, denn der schöne Stadtdekor  ist verschwunden – ausgenommen die Service - und das Konzept Verkehrskreisel ist Geschichte. In Ermangelung anderer Räume wurden diese „Plätze“ umfunktioniert und zu Schauplätzen allabendlicher Protestversammlungen in den Monaten des Arabischen Frühlings. Dieser fand eben auch am Golf statt, was in der westlichen Wahrnehmung ein wenig unterging. (3) In einer Darstellung las ich, der Frühling habe sich in Saudi-Arabien darauf beschränkt, dass während einer Buchmesse islamistische Geistliche protestierten (gegen mögliche Neuerungen) und einige mutige Frauen Auto fuhren. Es war anders: Nach ersten Protesten in den großen Städten Dschiddah und Riad setzten sich die Demonstrationen in der Provinz asch-Scharqiyya und vor allem in der Stadt Qatif fest. Zehntausende gingen auf die Straße, und mit unschöner Regelmäßigkeit erschossen die sogenannten Sicherheitskräfte jede Nacht ein bis zwei Demonstranten, ohne Ausnahme Schiitten, die in diesem Landesteil am stärksten vertreten sind. Nach diesen Tötungsakten und massenhaften Festnahmen brach der Widerstand zusammen und in „gehörigem“ Abstand wurden die Schlussakzente der Macht erst einige Jahre später gesetzt: Der Kleriker und Bürgerrechtsaktivist Nimr an-Nimr wurde 2014 zum Tode verurteilt und starb am 2. Januar 2016 mit 46 weiteren zum Tode Verurteilten bei einer Massenhinrichtung. Die meisten der zu Freiheitsstrafen verurteilten Saudis sitzen heute noch im Gefängnis, einige lebenslang.

Die Revolten in den östlichen Provinzen schafften es nicht, sich in einem Raumpunkt oder einem Slogan zu verdichten – in Bahrein und Oman glückte ersteres, in Kuweit letzteres. Dort kam zuerst der Schrei auf, der bald überall ertönte: Irhal, Verschwindet! In Bahrein und Oman besetzten die Demonstranten die beiden Roundabouts, die zwar nur banale Namen besaßen und nicht wie „Tahrir“ so vielversprechend „Befreiung“ signalisierten, die aber ganz anders als das Kairoer Vorbild als Kreise mit einem Mal in der Mitte einen hohen Identifikationswert hatten.

(Das obige Bild zeigt die Phase, da der Platz auch tagsüber besetzt und mit Zelten und Buden eingerichtet wurde, die Umfahrung mit Privatfahrzeugen blockiert war und Männer und Frauen (schwarz) sich getrennt versammelten.)

In Manama tötete am 17. Februar 2011 die Polizei vier Demonstranten, als sie versuchte, den „Platz“ zu räumen. Von da an wiederholten sich Wiederbesetzung und Räumung, bis am 22. Februar 150 000 Bahreinis, also ein Viertel der einheimischen Bevölkerung, auf dem  Kreisel zusammenkamen und er von Aktivisten als Camp eingerichtet wurde. Die nächste Räumung erfolgte am 16. Mai mit tödlicher Gewalt, und zwei Tage später wurde das harmlos abstrakte Außenkunstwerk entfernt, das Rondell in eine Kreuzung verwandelt, die wie eine Krake aussieht, und der Platz umbenannt. Ein bedeutender Heerführer aus der Frühzeit des Islam gab seinen Namen, ein Sunnit. Wieder hatte die sunnitische Minderheit über die schiittische Mehrheit den Sieg davongetragen Dafür erschien dann die zur Schablone verkürzte Skulptur des Roundabout auf vielen Hauswänden. Der Protest verlagerte sich auf die Straße, aus Saudi-Arabien angeforderte Panzer machten ihm ein Ende. 3000 Aktivisten wurden zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt.

 

In Oman wurden die Aufstände auf relativ weiche Art und Weise ausgebremst. Saudi-Arabien schickte keine Panzer, sondern der Sultan machte eine Reihe von Konzessionen, die aber alle nicht die Grundlagen seiner absoluten Herrschaft angriffen. Im Grunde wurde der Konflikt wie so oft am Golf ausfinanziert. Der Crackdown vor allem auf die Fortsetzer des Widerstands im Internet erfolgte dann erst ein Jahr später, als niemand mehr auf die Straße zu gehen wagte. Aber mit allergrößter Entschiedenheit rächte man sich am Erinnerungsort.

Das Weltmonument wurde gesprengt, die Anlagen um es herum plattgemacht, aber in Sahar trat an die Stelle des Rondells keine banale Kreuzung, sondern eine Überführung – das Ganze namenlos. Der Verkehrsminister Ahmed bin Mohammed al-Futaisi sagte, es musste eine neue Lösung gefunden werden, um Unfälle zu vermeiden und die umgebenden Straßen aufzuwerten. Man fragt sich an solcher Stelle unwillkürlich und hilflos, wann Macht am mächtigsten ist: wenn sie wie in Oman mit ein paar Versprechungen und Geld die Aufständischen ruhigstellt oder den Ort eines widrigen Geschehens auslöscht oder wenn sie etwas behauptet, das niemand glaubt und das gleichwohl keinen Widerstand duldet.

Wir in Deutschland dürfen uns währenddessen schon mal entspannt auf die 55 000 verbotenen Bücher freuen, die sicher sehr dekorativ auf dem Kasseler Friedrichsplatz in einem „Tempel“ ausgestellt werden.  „Wir überlegen zum Beispiel“, sagt eine der Verantwortlichen der Documnta, „noch eine Veranstaltung zu machen mit Lesungen, zum Beispiel aus den Märchen der Grimms, die ja auch mal verboten waren.“

 

(1) Ich durfte das Wirken der Scheicha würdigen in: Bau und Gegenbau, in: Neue Zürcher Zeitung 8. 2. 2016.

(2) Tom Holert, Contemporary Art, Civil Society and Knowledge Politics in the „Middle East“, in: Dissonant Archives. Contemporary Visual Culture an Contested Narrativbes in the Middle East, hrs. Von Anthony Downey, London 2015, S. 94.

(3) Die wichtigsten Informationen findet man in Toby Matthiesen, Sectarian Gulf: Bahrain, Saudi Arabia and the Arab Spring that wasn’t, Stanford 2013.


 

 

1 Comment(s)

  • Gabriele Fischer
    21.04.2017 09:11

    Vielen Dank für diesen erhellenden, instruktiven und gleichzeitig bitter unterhaltsamen Artikel.

Kommentar

Kontakt

Kommentar

Absenden