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Das Neratal im Herzen – Folgen der Erdbeben für Kunstwerke in Mittelitalien

Ein Gastbeitrag von Andrea De Marchi (1962), Professor für mittelalterliche Kunstgeschichte an der Universität Florenz.

Abb.1: Kirche San Salvatore in Campi vor dem Erdbeben.
Abb.1: Kirche San Salvatore in Campi vor dem Erdbeben.

Wer von Terni oder Spoleto dem Tal des Nera flussaufwärts folgt, entlang dem  flachen Wasser dieses mitten durch dichte Wälder fließenden Bergbaches; wer in Ferentillo die Sankt Peter Abtei  mit ihrem herausragenden Freskenzyklus aus dem 11. Jahrhundert und ihrem langobardischen Altar eines Künstlers namens Ursus besucht; wer sich etwa die romanische Kirche der Heiligen Anatolia in Narco anschaut oder den hoch über dem Neratal thronenden  mittelalterlichen Ort Vallo di Nera  mit seinen Kirchen, reich ausgeschmückt mit Fresken aus allen Epochen; wer anschließend in Scheggino Forellen verspeist, die es nirgends frischer gibt als hier, um weiter seinen Weg durch die Schlucht von Corno zu nehmen, die sich zwischen dem Monte Cavogna und Monte Maggia öffnet, bevor er plötzlich ganz unvermittelt auf die weite beckenförmige Hochebene tritt,  in der sich am Fuß der Sibillinischen Berge die Stadt Norcia ausbreitet, dieser Mensch  wird seine wunderbaren Eindrücke so schnell nicht wieder vergessen.

Abb.2: Kirche San Salvatore in Campi nach dem Erdbeben.
Abb.2: Kirche San Salvatore in Campi nach dem Erdbeben.

Wir befinden uns im Herzen des Apennin, einem Gebiet, das nicht mehr richtig zu Umbrien zählt, aber auch noch nicht zu den Marken oder den Abruzzen, wo sich jedoch alle diese Ländereien treffen und begegnen. Eine karge, von rauen Bergen beherrschte Region, in der die Erhebungen Namen aus den Legenden von der Sybille tragen. Wo sich aber auch überraschend weite und liebliche Plateaus öffnen, wie z.B. bei Castelluccio oder Colfiorito, den beiden Orten, die berühmt sind für die Ende Juni dort jedes Jahr zu bewundernde Verwandlung der Hochebene in ein überwältigendes Blütenmeer.
Diese Region ist von besonderen künstlerischen Zeugnissen geprägt, die dem singulären Landschaftsbild in nichts nachstehen und das Ergebnis eines Austausches zwischen verschiedenen kulturellen Strömungen sind, zum Beispiel aus der Toskana und Umbrien oder aus Rom und der Adria, und zurückgehen auf die Zeit, in der sich einst hier die Wege der Schäfer während der Transhumanz kreuzten. Aber auch die der Händler, welche wiederum ihrerseits in diesen wald- und wasserreichen Tälern im Herzen des Apennin zu Wohlstand und auch zur Entwicklung des Handwerks beitrugen.
Norcia ist einerseits die Heimat von Sankt Benedikt wie auch von zahlreichen Einsiedeleien und Sanktuarien, in denen sich bereits sehr früh und tief die franziskanische Bewegung verwurzelte. Ein isoliertes, atavistisches Stückchen Erde, so könnte man meinen, das jedoch Holzskulpturen, Altartafeln, Fresken von glühender Expressivität hervorbrachte, teils bäuerlich geprägt, teils etwas feinsinniger, jedoch immer in vollkommen authentischer Form.
In Wirklichkeit ist hier die Zeit weniger stehen geblieben, als es auf den ersten Blick scheint. Menschen aus Norcia, Preci und Cerreto im Neratal gingen hinaus in die Welt, die ‚Norcinerie‘, also die Wurstwarenhersteller aus Norcia, waren in ganz Italien berühmt für ihre handwerklich nach Geheimrezepten hergestellten Würste (sogar heute noch werden in Rom die ‚salumieri‘ als Norcinerie bezeichnet). Aus Preci kamen bekannte Chirurgen, aus Cerreto Marktschreier und Heiler. Und in die entfernte Täler, besonders ins Oblita Tal zwischen Norcia und Visso, fanden umgekehrt berühmte und herausragende Kunstwerke ihren Weg, z.B. von Künstlern wie Piero di Cosimo, Benedetto di Maiano und Beccafumi. In diesen Dörfern begreift man, wie sehr das Entstehen künstlerischer Werke hier unmittelbar und auf intime Weise mit den jeweiligen Orten selbst verwurzelt ist: nur hier konnten sie entstehen, nur für diese Orte wurden sie gemacht. Man versteht, wie sich Landschafts-Bild und Kunst-Bild gegenseitig bedingen, wie diese Werke verwoben sind mit dem Kontext, aus dem sie einst entstanden sind, ja, überhaupt erst entstehen konnten.
Heute befinden sich viele dieser Werke in den Museen des einstigen Herzogtums: in Spoleto im Cassero und im dortigen Diözesanmuseum oder in der Nationalgalerie von Umbrien in Perugia. Zum Glück, muss man sagen, denn wenn das Tafelbild von Nicola di Ulisse aus Siena noch in der Abteikirche von Sant’Eutizio gewesen wäre und sein aus dem 14. Jahrhundert stammendes  Kruzifix  in der Kirche San Salvatore in Campi, hätten wir sie nun beide unter dem Schutt dieser eingestürzten mittelalterlichen Kirchen verloren (Abb. 1 u.2 ). Was wir aber nicht aus den Augen verlieren dürfen ist, dass alle diese Kunstwerke unmittelbar eingebettet waren und sind in ihren spezifischen lokalen kulturellen Kontext, aus dem heraus sie einmal geschaffen wurden. Diese Erkenntnis ist deshalb so besonders wertvoll, weil unser emotionales Erleben durch nichts zu ersetzen ist und wir erst dadurch das Einzigartige eines geschichtlichen Entstehungsprozesses nachvollziehen können.
Und genau aus diesem Grund müssen die Kirchen Sant’Eutizio und San Salvatore von Campi wieder aufgebaut werden, Stein um Stein, indem man jeden Quaderstein nummeriert, jedes Bruchstück eines Freskos birgt, wie es in der Provinz Friaul am Dom von Venzone und dem in Gemona nach dem katastrophalen Erdbeben von 1976 erfolgte. Und leider eben nicht in Aquila, einer der schönsten und geheimnisvollsten Städte Mittelitaliens, reich an Kirchen und Stadtpalästen, auf einer Hochebene von 700 Metern gelegen – nun für immer verloren, als Folge von Trägheit und Gleichgültigkeit der Berlusconi Regierung, die nach dem Erdbeben auf einer unterhalb der Stadt liegenden Ebene für die Erdbebenopfer absurde sogenannte ‚new towns‘ errichtete, in denen eher Friedhofsatmosphäre als neues Leben herrscht. Das sind traurige Kathedralen aus Beton mitten in der Wüste! Während man das historische Zentrum von Aquila einfach seinem Schicksal überließ!

Abb.3: Kirche Santa Maria Argentea in Norcia nach dem Erdbeben.
Abb.3: Kirche Santa Maria Argentea in Norcia nach dem Erdbeben.

Doch darf man Sant’Eutizio und San Salvatore wirklich so viel Aufmerksamkeit schenken? Immerhin handelt es sich hierbei ja nicht um die Basilika des Heiligen Franz von Assisi, auf die 1997 nach dem Erdbeben dort die halbe Welt ihre Scheinwerfer richtete. Aber auch diese beiden kleineren Kirchen zählen unleugbar zu unserem Kulturerbe, und das umso mehr, wenn diese Tatsache von der internationalen Forschungsgemeinschaft in Zukunft auch so wahrgenommen wird.
Entlang den Bergseiten des Monte Vettore ist auf einer Länge von 30 km ein beängstigender Riss entstanden. Das Tal des Nera und die Ebene bei Norcia sind geologisch instabile Zonen und wurden bereits 1979 von einem schweren Erdbeben heimgesucht. Auch als die Erde 1997 bebte und in Assisi große Schäden anrichtete, lag das Epizentrum nicht weit entfernt in Colfiorito.
Die Stadt Norcia wurde schon mehrfach wieder aufgebaut und erdbebensicher gemacht, indem man in die Mauern der Kirchen und Stadtpaläste dicke Stützpfeiler einzog. Aber es reichte nicht. Die Wucht dieses Bebens brachte die Kirche Santa Maria Argentea zum Einsturz (Abb. 3), in der ein Kruzifix aus dem 15. Jahrhundert aufbewahrt wurde, mit einem herzzerreißenden Christus am Kreuz, dessen Venen stark hervortreten. Es ist ein Meisterwerk des aus dem Norden stammenden Künstlers Johannes Teutonicus. Man kann nur hoffen,  es irgendwann wieder zu sehen. Wie die vielen anderen Kunstwerke auch, die man in den vergangenen Stunden aus dem Schutt hervorzog und in Sicherheit brachte aus Angst vor neuen Erdstößen.

Abb. 4: Giovanni Angelo d’Antonio (1415/1420–1478/1481), Darstellung der Verkündigung und Beweinung Christi, um 1455, Tempera auf Holz, 220 x 166 cm, Camerino, Stadtmuseum und Pinakothek San Domenico.
Abb. 4: Giovanni Angelo d’Antonio (1415/1420–1478/1481), Darstellung der Verkündigung und Beweinung Christi, um 1455, Tempera auf Holz, 220 x 166 cm, Camerino, Stadtmuseum und Pinakothek San Domenico.

Mit Hilfe von Drohnen verschaffte man sich ein Bild der klaffenden Risse in den Mauern des Klosters von San Damiano in Camerino, das wegen weiter befürchteter Einsturzgefahr für unzugänglich erklärt wurde. Es handelt sich hier um den Gebäudekomplex, in dem seit dem Erdbeben von 1997 stolz eine bemerkenswerte städtische Gemäldesammlung eingerichtet worden war. Die Drohnen lieferten kurz darauf Bilder, die zeigen, wie das  Verkündigungsbild aus dem Ort Sperimento, eine Ikone der Malerei aus Camerino vom 15. Jahrhundert und bewegendes Hauptwerk von Giovanni Angelo d’Antonio herausgetragen und in Sicherheit gebracht wird (Abb. 4 u. 5). Es markiert eine Stufe zwischen den gemalten Kulissenszenen Donatellos während seiner Schaffensperiode in Padua und der lichterfüllten Geometrie eines Piero della Francesca.
Vom Erdbeben wurden auch andere Zentren schwer getroffen, die wie ein Scharnier künstlerische Strömungen aus Umbrien und den Marken zusammenführen. Darunter die Orte Visso, Ussita und Castelsantangelo sul Nera. Leider hat sich das Erdbeben auch bis ins Chientital ausgewirkt und dort in den Gemeinden von Camerino, Calderola und Tolentino erheblichen Schaden angerichtet. Ebenfalls gefährdet sind die Städte Matelica und San Severino. Alle diese Ortsnamen stehen für eine bedeutende figurative Tradition.

Abb. 5: Das Verkündigungsbild von Giovanni Angelo d’Antonio wird sichergestellt.
Abb. 5: Das Verkündigungsbild von Giovanni Angelo d’Antonio wird sichergestellt.

Tolentino beherbergt das Heiligtum von San Nicola, das im 14. Jahrhundert  eine führende Rolle beim Ausdruck einer Volksfrömmigkeit einzunehmen schien, die einem Orden galt, nämlich den Augustinern, der deutlich älter war, als die herumziehenden neuen Bettelorden, und in dem die Mönche sesshaft waren. Sie besaßen jedoch noch keinen Verehrungsort für ihren Schutzheiligen. Dies änderte sich erst mit dem Bau der sogenannte Cappellone , einer stattlichen Kapelle, an deren Innenwänden ein atemberaubender, fast vollständig erhaltener Freskenzyklus zu bewundern ist, den Pietro aus Rimini um 1320 im Stile Giottos schuf. Er gilt als ein herausragendes Zeugnis  italienischer Freskenmalerei des 14. Jahrhunderts
(Abb. 6).

Abb.6: Pietro da Rimini (aktiv zw. 1315–1335), Freskenausschmückung der Cappellone di San Nicola, um 1320, Tolentino, Kirche Santa Chiara.
Abb.6: Pietro da Rimini (aktiv zw. 1315–1335), Freskenausschmückung der Cappellone di San Nicola, um 1320, Tolentino, Kirche Santa Chiara.

Camerino war Sitz des kleinen, aber ehrgeizigen Adelsgeschlechts, der Herren von Varano, die dort zwischen dem 14. und 15. Jahrhundert residierten. Giulio Cesare ließ sich von seinem Baumeister Baccio Pontelli einen Palast mit großartigem Innenhof erbauen, dessen Vorbild der Herzogspalast von Federico da Montefeltro aus Urbino war. Unter den Herren von Varano entwickelte sich im 15. Jahrhundert eine veritable Malschule mit hervorragenden, auch teilweise exzentrischen Vertretern wie Arcangelo di Coda, Giovanni Boccati, Giovanni Angelo d’Antonio, die uns heute noch bekannt sind.
Nach den Restaurierungsarbeiten, die man in Folge des Erdbebens von 1997 in Camerino beherzt und ernsthaft ausgeführt hatte, war ich 2002 Kurator einer Ausstellung mit dem Ziel, die in allen Museen der Welt verstreuten Werke aus der Malschule von Camerino wieder zusammenzuführen. Dadurch wurde es möglich, sich einen vollständigen Überblick der Fresken dieser Schule zu verschaffen. Das Interesse daran war so groß, dass Wissenschaftler aus aller Welt herbei eilten.

Abb.7: Francesco di Giorgio Martini, Die Heilige Muttergottes beschützt Siena während des Erdbebens, 1468. Tempera auf Holz, 52 x 41 cm, Siena, Staatsarchiv.
Abb.7: Francesco di Giorgio Martini, Die Heilige Muttergottes beschützt Siena während des Erdbebens, 1468. Tempera auf Holz, 52 x 41 cm, Siena, Staatsarchiv.

Die Ausstellung hieß „Das 15. Jahrhundert in Camerino. Licht und Perspektive im Herzen der Mark“ und war ein unerwarteter Erfolg in einem ziemlich unzugänglichen Ort, in dem es kaum Übernachtungsmöglichkeiten gibt, dafür aber immerhin eine kleine Universität, die jedoch in Schwierigkeiten steckt. (Camerino zählt heute 6000 Einwohner, liegt auf 700 m Höhe und ist im Winter vom Schnee nicht selten völlig von der Außenwelt abgeschnitten).
Es sollte unbedingt auch ein Atlas erstellt und publiziert werden, um darin minuziös jedes einzelne Fresko aus den so zahlreichen kleinen Kirchen zu dokumentieren, die verstreut am Fuß und an den Hängen der bereits den Marken zugewandten Seite der Sibillinischen Berge liegen. Darunter befinden sich oft Werke, die uns wegen ihrer Gefühlsintensität und ihrer Strahlkraft innerlich berühren – und sie tun dies nach den Zerstörungen durch das Erdbeben in den Orten, wo sie sich befanden, umso mehr! Wir bangen nun um sie und hoffen sie wieder aufzufinden und irgendwann wieder sehen zu können.
Im Laufe der Geschichte waren unsere Kunst- und Kulturgüter von ständiger Zerstörung durch Erdbeben bedroht. Ein Registerbuch aus dem Kontor der Stadt Siena zeigt das im Jahr 1468 von Francesco di Giorgio gemalte Bildnis der Heiligen Muttergottes, wie sie vom Himmel aus die Stadt beschützt, während dort unten überall die Menschen Zuflucht in Zeltbehausungen suchen. Oben am Himmel liest man die Worte AL TENPO DE TREMVOTI  „Zur Zeit des Erdbebens“ (Abb. 7).

Abb.8: Kirche Sankt Benedikt in Norcia nach dem Erdbeben.
Abb.8: Kirche Sankt Benedikt in Norcia nach dem Erdbeben.

Und doch hat auch Siena diese schlimmen Zeiten überstanden, sind die Wunden geheilt, die Schäden beseitigt und uns unschätzbare Kunstwerke und Monumente der Vergangenheit überliefert worden. Deshalb glauben wir zuversichtlich daran, dass es auch den Menschen im Neratal und in den Sibillinischen Bergen, mit ihrer Ausdauer und ihrem Stolz auf ihre Vergangenheit, gelingen wird ihre Dörfer wieder aufzubauen. Auf dass sie dann in Zukunft umso engagierter ihre verborgenen Kleinode bewahren werden!
Die Fassade der Kirche Sankt Benedikt in Norcia, die wie durch ein Wunder stehen blieb, während dahinter das gesamte Kirchenschiff einstürzte (Abb.8), ist das Symbol dafür, dass auch das Vergangene Bestand hat. Sie mahnt uns, der Kirche wieder zu neuem Leben zu verhelfen. Damit diese nicht ein Relikt der Leere ringsum bleibt, sondern sich wieder neu mit Leben füllt, zusammen mit ihrer Stadt, die auch heute immer noch von ihren Mauern umgeben ist, zwischen diesen sanften grünen Berghängen, wo man reine und klare Luft atmet.
(Der Beitrag wurde von Susanne Easterbrook aus dem Italienischen ins Deutsche übertragen.)

Bildnachweise

Abb. 1: Alessandro Delpriori, Matelica
Abb. 2: Alessandro Delpriori, Matelica
Abb. 3: Alessandro Delpriori, Matelica
Abb. 4: Stadtmuseum und Pinakothek San Domenico
Abb. 5: Stadtmuseum und Pinakothek San Domenico
Abb. 6: Alessandro Delpriori, Matelica
Abb. 7: Staatsarchiv Siena
Abb. 8: Alessandro Delpriori, Matelica

Andrea De Marchi (1962), Professor für mittelalterliche Kunstgeschichte an der Universität Florenz

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