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Existenznot im Wissenschaftsbetrieb

Britta Ohm - Exzellente Entqualifizierung: Das neue akademische Prekariat

Über Geld spricht man nicht. Das ist sicher auch der Grund, warum man so selten ehrliche und offene Worte aus dem (Nachwuchs-) Akademikerleben hört. Niemand redet öffentlich über die oft prekäre persönliche Lage in Zeiten des Hangelns von befristeter zu befristeter Stelle:

„Man duckt sich lieber weg. Vielleicht komm ich ja doch noch irgendwie durch. Wenn einer es nicht mehr aushält, dann veröffentlicht er seine eigene Leidensgeschichte lieber anonym, sagt aber ganz offen, dass er das tut, weil er um seine letzten Chancen im System fürchtet. So funktioniert Entsolidarisierung.“

Die Entsolidarisierung ist nur ein von Britta Ohm in einem sehr weit gespannten Artikel genannter  Punkt. Die promovierte Kulturwissenschaftlerin steigt ein mit der Schilderung der eigenen Situation angesichts einer drohenden „Zwangsentqualifizierung“ durch die Arbeitsagentur und stellt sodann die persönlichen Erfahrungen in Relation mit dem ganzen universitären System. Dabei stehen auch Exzellenzinitiativen mit aufwändigen Antragsstellungen, die enorm viel Zeit und Geld verschlingen, in ihrer Kritik, befristete Verträge statt Festanstellungen, die Entfremdung der Universität von der Gesellschaft, der neoliberale Druck auf die Geisteswissenschaften, die über Jahrzehnte gestrichenen Professuren, die ohnehin die einzigen unbefristeten Stellen im universitären Lehrbetrieb darstellen. Ohms höchst lesenswerte – ja – Wutrede wird wohl wenig Änderung bewirken, sitzen doch die Entscheider stets selbst am Futtertrog. Aber vielleicht sorgt sie für ein wenig mehr Solidarität im Miteinander des Universitätssystems – auch seitens der Professoren.

Das ist auch der Antrieb, in diesem Blog auf den Artikel zu verlinken, um ihn bekannt zu machen.

Bitta Ohm, Exzellente Entqualifizierung: Das neue akademische Prekariat, erschienen in: Blätter für deutsche und internationale Politik. Themen: Bildungspolitik und Neoliberalismus, 8/2016, Seite 109-12  (unter obigem Link online).

 

 

6 Kommentar(e)

  • Anne Fischer
    05.09.2016 18:27
    Entqualifzierung oder Weiterbildung

    Ich möchte hier nochmal das Wort ergreifen zum Thema "Entqualifizierung" und vorweg schicken, dass ich definitiv nicht so tief einsteigen kann und will in die Thematik des Wissenschaftsbetriebs. Vielleicht habe ich da auch etwas nicht verstanden bezüglich der Enttäuschungen bei universitäten Karriereplanungen usw.? Aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen, dass es bitter ist, wenn man/frau sich beim Arbeitsamt wiederfindet und einem dort mitgeteilt wird, dass der Abschluss in Kunstgeschichte zwar schön ist, aber auf dem Arbeitsmarkt nicht interessant. Für mich wurde diese Grenze, dann aber doch zu einem Horizont und den will ich hier vorstellen. Bei meiner Positionierung mit der Zielgruppe Senioren bin ich auf Folgendes gestoßen:
    http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.kunstgeragogin-aus-birkach-das-leben-ist-ein-experiment.a19662b2-05d2-4b8a-9c68-53267c196fa5.html
    http://www.kunstgeragogik.net/qualifizierung/inhalte/
    Vielleicht ist dieser Weg für einerseits "Entqualifizierte" eine Perspektive mit Weiterbildung. Ich gehe ihn selber und verdiene Geld als Kunsthistorikerin damit. Und: der Markt ist groß und wachsend. Und: es fehtl in stationären Einrichtungen und ambulanten Diensten an Qualifzierten.

  • Anne Fischer
    31.08.2016 10:49
    Betriebe

    Liebe Frau Bickmann,
    ich stimme Ihnen voll und ganz zu, dass über Geld gesprochen werden muss. Schön, dass die Initiative von Frauen ausgeht! Das ist bestimmt ein ganz wichtiger Schritt in die richtige Richtung.
    Für mich als Freiberuflerin/Existenzgründerin sieht das bis hierher so aus:
    1. Ich kann handeln.
    2. Das Schlüsselwort heißt „nein“. Das ist sicher leichter gesagt als gelebt. Dabei müssen vermutlich vor allem wir Frauen raus aus einer bestimmten Komfortzone.
    3. So gibt es immer zwei Seiten: die, die „es macht“ und die, „die es mit sich machen lässt“. Ich verweise hier auf das Engagement des VdK gegen das Preisdumping auf dem geisteswissenschaftlichen Arbeitsmarkt. Ohne Honorar Leistung abzuliefern oder mit ähnlich dependenten Strategien überleben zu wollen, schadet fast allen.
    4. Eine große Hilfe ist die klare Trennung zwischen Sach- und Beziehungsebene. Zumindest im Kulturbetrieb sind die Grenzen fließend (bitte nicht mit networking verwechseln!). Bei Honorarverhandlungen oder auch meiner Karriereplanung geht es um den Wert meiner Leistung. Dieser lässt sich ganz klar beziffern: http://www.kunsthistoriker.org/honorarempfehlungen.html
    … und auch entsprechend vertreten.
    5. Das lässt sich leichter mit Verbündeten im Rücken machen, die ich über Interessenverbände finde, z. B. den VDK.
    Ich bin im Kulturbetrieb. Vielleicht konnte ich dennoch etwas für den Wissenschaftsbetrieb beisteuern. Betriebe sind es allemal und Geld spielt eine Rolle – hier wie dort. Auf jeden Fall: Danke für die Initiative und Ihren Mut, das Thema anzusprechen!


    • Anne Fischer
      16.09.2016 17:13
      viel zu tun

      Vielen Dank für den Hinweis der Anpassung und der Vervollständigung. Nicht mehr zu führen, ist das, was ich meine mit "nein". Und wenn dann tatsächlich an einem Strang gezogen werden würde, erledigt sich das mit der Unterbezahlung hoffentlich zusehends. Das setzt eine gute Vernetzung voraus. Da ist sicherlich noch viel zu tun und es stimmt: das hat was mit Outen zu tun und das ist so ein ganz spezielles Ding - gerade in unserem Feld.

    • Isa Bickmann
      06.09.2016 10:37

      Liebe Frau Fischer,

      in dem von mir angesprochenen Artikel ging es ja um die akadem. Laufbahn - nicht um die Existenzgründung als Freiberufler. Aber was für beide Sparten zutrifft, ist die fehlende Solidarität der Festangestellten mit den Freien.
      Zu den Honorarempfehlungen noch ein Wort: Führungen für 40-60 Euro Honorar sind ein Witz! Das müsste mal dringend angepasst werden (davon abgesehen zahlen viele Museen ähnlich schlecht und noch schlechter, was mir eine private Umfrage unter freiberufl. Museumspädagogen kürzlich offenbarte. Das ist der Grund, warum ich nicht in Museen führe.) Auch fehlt die Rubrik "Eröffnungsrede". Die von Kunstvereien, Museen und Galerien angebotenen 150 bis 200 Euro sind ebenso unsäglich, wenn man Anfahrt, Vorbereitung, Vorbesichtung mit einbezieht.

  • hefelin
    21.08.2016 21:44
    und weil sich's so schön reimt ...

    " sitzen doch die Entscheider stets selbst am Futtertrog."
    ... und wer was will: auf deren Schoß

    Hahaha, nix für ungut! - hefelin

  • hefelin
    21.08.2016 21:37
    prima courage!

    " sitzen doch die Entscheider stets selbst am Futtertrog." !!!

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