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Louis Napoleon und der 18. Brumaire

Wie Prinz Louis Napoleon der Prätendent, zum Kaiser von Frankreich proclamirt, sich die Huldigung der französischen Republikaner gefallen läßt
Charivari Leipzig Nr. 330, 20.6.1848, S. 4921
SLUB Dresden, http://digital.slub-dresden.de/id381514196-18480330/3 (CC-BY-SA 4.0)
Wie Prinz Louis Napoleon der Prätendent, zum Kaiser von Frankreich proclamirt, sich die Huldigung der französischen Republikaner gefallen läßt
Charivari Leipzig Nr. 330, 20.6.1848, S. 4921
SLUB Dresden, http://digital.slub-dresden.de/id381514196-18480330/3 (CC-BY-SA 4.0)

In der heute kaum noch bekannten deutschen Satirezeitschrift Charivari, erschien im Juni 1848 auf dem Titel eine Karikatur, die in ihrer Vorwegnahme der Geschichte irritiert. Sie zeigt den Neffen Napoleon Bonapartes als Kaiser von Frankreich, der er tatsächlich erst nach seinem Staatsstreich im Dezember 1851 sein würde.

Die im Leipziger Reclam-Verlag herausgegebene und mehrmals wöchentlich in Umlauf gekommene Zeitung baute eher auf Textinformationen mit Autoren wie Ludwig Börne, Karl Gutzkow, Heinrich Heine, Heinrich Hoffmann von Fallersleben und Kathinka Zitz. Meist wurden die Autoren nicht explizit genannt – ein damals übliches Mittel, um die Zensurbestimmungen zu umgehen. In der Ausgabe vom 20. Juni 1848 fungiert der thronende Louis Napoleon in einer Karikatur, deren Urheber unbekannt bleibt, als Aufmacher, um wenige Seiten später eine ausführliche Kommentierung zu erfahren, deren Autor ebenfalls nicht erwähnt wird. Unter der Rubrik "Zapfenstreich" werden internationale Nachrichten verkündet und kommentiert. Unter "Paris" ist dort u.a. zu lesen:

Louis Napoleon soll seine Freunde benachrichtigt haben, daß er offen als Bewerber für die Präsidentschaft der Republik auftreten wolle. In den Departements sollen schon Agenten für ihn zu diesem Behufe thätig sein. […] Mehrere Journale, auf die Wahl Louis Napoleons und seinen Anhang anspielend, behaupten, das Directorium im [Palais] Luxembourg werde bald seinen 18. Brumaire erleben.
Über die Wahl Louis Napoleons erzählt man in wohlunterrichteten Kreisen, daß die Legitimisten dabei die Hand im Spiel gehabt. Diese hätten eingesehen, daß aus einem allgemeinen Kriege allein der Herzog von Bordeaux [Henri d’Artois, Enkel Karls X., der 1830 abdanken musste] als König von Frankreich hervorgehen könne, und Louis Napoleon um so lieber unterstützt, als sie ihn für unfähig halten, eine Dynastie zu begründen.
Die Propaganda der Napoleoniden wird mit jedem Tag unverschämter. So z. B. begnügt sie sich nicht mehr, ihre Blätter: ‚Napoléon le républicain. Mère Duchèsne‘ etc. auszuschreien und von Hand zu Hand verkaufen zu lassen, sondern sie läßt sie auf Karren durch die Straßen fahren und große starke Nummern für ein Lumpengeld wegwerfen.
[…] Seit einigen Tagen ist ganz Paris mit Biographien und Bildnissen Louis Napoleons überschwemmt und ein neues, von seinen Anhängern geschriebenes Blatt "Napoléon républicain" wird an allen Straßenecken um einen Sou feilgeboten.

Aus dieser Verbindung zwischen Bild und dem wenige Seiten später folgenden Text wird ersichtlich, mit welchen Propagandamitteln schon damals die Wahlen über Massenmedien beeinflusst wurden. Die Karikatur zeigt Louis Napoleon als Kaiser auf dem Thron sitzend, mit Kniebundhosen und weißen Strümpfen gekleidet, wie sie einst für das ancien regime üblich gewesen waren. Der neue Herrscher knüpft in dieser vorausschauenden Bildfindung an alte Traditionen an und zeigt sich als absolutistischen Monarch, dem die Republikaner, die ihn selbst gewählt hatten, huldigen. Der Kaiser indessen tritt seine Wähler mit Füßen.

Die Wahl zum Präsidenten der Republik Frankreich war für Louis Napoleon nur Mittel zum Zweck – und hier stellen Karikatur wie auch der daran anschließende Kommentar in der Deutung der gegenwärtigen Situation und noch unmittelbar vor den Juni-Aufständen der Revolution in Paris in Aussicht, wie sich die Geschicke tatsächlich auch weiter entwickeln würden. Die neuerlichen Barrikadenkämpfe zwischen 22. und 26. Juni 1848 – also erst nach Erscheinen der hier vorgestellten Ausgabe des Charivari! – wurden von der Armee mit zahlreichen Opfern niedergeschlagen. Damit war die Revolution in Frankreich gescheitert. Am 10. Dezember folgte die demokratische Wahl mit undemokratischen Methoden, die schon in der Zeitung kommentiert worden war.

Doch Bild und Text nehmen nicht alleine den Wahlausgang vorweg, sondern auch den erst drei Jahre später erfolgenden Staatsstreich des Präsidenten, der sich zum Kaiser Napoleon III. erheben wird. Über eine Verfassungsänderung im Dezember 1851 war die Macht des Präsidenten gestärkt und die demokratischen Kontrollmechanismen geschwächt worden. Der zweiten Republik folgte das zweite Kaiserreich unter Aufgabe der Errungenschaften der Revolution. Die Konterrevolution und die Restauration der Macht hatten gesiegt.

Warum sind dieses Ereignis und dessen seherische Schilderung des Sommers 1848 heute noch von Interesse? Schauen wir in die Türkei mit den aktuellen Entwicklungen, lassen sich gewisse Parallelen nicht von der Hand weißen. Auch dort wurde ein Präsident demokratisch gewählt und nutzt seitdem seine Position, um immer noch mehr Einfluss auf die Politik seines Landes ausüben zu können und dabei die bestehende Verfassung und Rechtsprechung zu untergraben. Der vor wenigen Tagen binnen einiger Stunden wieder beendete Putsch von Seiten des Militärs spielt nun dem Despoten in die Hände. Er wird mit weiteren "Säuberungsaktionen" hart durchgreifen und politische Widersacher beseitigen lassen. So lange Erdoğan auf dem internationalen diplomatischen Parkett weiterhin als Präsident der Türkei hofiert statt ausgebremst wird, steht einem weiteren "18. Brumaire" – diesmal am Bosporus – kaum mehr etwas im Wege. Hatten der Karikaturist und der Kommentator des Leipziger Charivaris so viel Weitblick entwickelt, die Situation in Frankreich richtig einzuschätzen, so bleibt zu hoffen, dass es diesmal nicht erst zum Äußersten kommen muss, sondern die Demokratie in der Türkei geschützt und gestützt wird!

Barbara Wagner für das Themenportal Caricature & Comic

Bildnachweis:
SLUB Dresden, http://digital.slub-dresden.de/id381514196-18480330/3 (CC-BY-SA 4.0)

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