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Bilderstreit im Vatikan: Franziskus gegen Rohani

Gastkommentar von Wolfgang Kemp

 

Der iranische Präsident Rohani besucht Rom. Auf dem Kapitol sorgt sein Kollege Renzi dafür, dass die Statuen und Bilder verhängt oder eingekistelt werden – einer der peinlichsten Akte politischer Korrektheit. Frage: Würde Präsident Rohani bei einem Gegenbesuch Renzis ganz viele Bilder aufhängen lassen, auch solche mit nackten Frauen und Männern oder Göttern (Götzen)? Natürlich nicht. Ein klassischer Fall von politischer Asymmetrie war das, was da auf dem Kapitol geschah.

Der zweite „Präsident“, der in Rom, genauer im Vatikan, residiert, konnte Staatsbesuch besser und selbstbewusster.

 

Das offizielle Foto des Zusammentreffens von Rohani und Franziskus entstand vor einem Arrangement aus zwei Stühlen und einem Buch zwischen ihnen, von dem wir ganz stark annehmen, dass es sich nicht um den Koran, sondern um die Bibel handelt, das Buch der Bücher, das eine Buch, das auch sagt: Du sollst keine anderen Bücher neben mir haben!

Hätte ein bundesdeutscher Präsident  bei einem Staatsbesuch des sowjetischen Parteisekretärs in der Mitte zwischen ihnen das Grundgesetz aufgestellt, wäre das ein vergleichbares Statement gewesen.

Hinter den Repräsentanten Gottes auf Erden hing Peruginos  „Auferstehung Christi“. Wenn ein Papst gemein sein kann, dann war die Bilderwahl ein wenig gemein: Das Gemälde zeigt den triumphierenden Christus und damit gleichzeitig den Gottesbeweis und den Kunstbeweis der katholischen Kirche.  Christus ist auferstanden von den Toten, er war Mensch und ist Gott, und er ist (noch) sichtbar, er kann gezeigt werden, sogar zur Hälfte nackt. Das Bild schafft instantan, wie man heute sagte, tota simul hieß das früher, wozu das dicke Buch unter ihm viele hundert Seiten braucht. Triumph Christi, Triumph der Malerei – Triumph auch des Papstes?

Es ist Standard, dass die Einzelheiten des Besuchs und vor allem das offizielle Foto vom Protokoll ausgehandelt wurden. Wie reagierte Rohani?  Links und rechts sind auf dem Bild unhöflich abgeschnitten die Dolmetscher: ein katholischer Priester und eine islamische Frau (Imaninnen gibt es im Iran nicht, in Deutschland schon). Auf dem Bild, das wir als nächstes betrachten, sieht man sie ganz, und man sieht auch noch einen anderen protokollarischen Beistand, einen Kardinalstaatssekretär. Beide Religionen haben ein Geschlechterproblem, der Islam mit Sicherheit ein noch größeres als die katholische Kirche. Aber Rohani bricht in die Männergesellschaft des anderen Gottesstaates mit einer Frau ein, und wartet beim Akt der Geschenkübergabe mit einer zweiten Überraschung auf.

Zuerst erhält der Papst einen handgeknüpften Teppich, eine traditionelle Gabe dieser Kultur, ein „Perser“ eben. Aber der Papst bekommt auch ein Bilderbuch. „Wir können das auch“, sagt das Buch, das anders als die karge Bibel auf dem offiziellen Foto stark bebildert ist – farbig. Ja, die Iraner können das auch, es gibt, anders als in den anderen islamischen Ländern, eine lange Tradition der Kunstausübung. Die Ikonophoben, das sind die Sunniten, die die Buddhas von Bamiyan zerstört haben, die in Syrien und im Irak alles, was nach Bild und Kultur der „Ungläubigen“ aussieht, wegsprengen. Man komme jetzt nicht mit dem Standardargument: „Das hat mit dem Islam nichts zu tun!“ Als Mohammed das zweite Mal in Mekka einzog, vernichtete er, der Legende zufolge, erst einmal 360 Idole. 360 war ja auch ein bisschen viel, fast so viel, wie im und um den Vatikan herum stehen. Solcher Ikonoklasmus ist der Anfangsakzent vieler  Religions- und Reichsgründer – tabula rasa. Der große Unterschied ist, dass es bei der tabula rasa bleiben sollte, was die Bilderfrage anbelangt. Anikonismus ist der vornehme wissenschaftliche Ausdruck dafür.

Abgebildet werden dürfen nur Pflanzen (überall, auch an den Wänden) und Tiere (nur auf dem Boden, weil man auf den tritt).

Im Iran war das vor und nach der Islamisierung anders. „Iran was indeed Islamized, but it was not Arabized. Persians remained Persians“, hat Bernard Lewis einmal „famously“ konstatiert. Und zur Persianisierung des Islam gehört der Bildgebrauch, eine Stärke, die Rohani im Rahmen seines Programms „Versöhnung mit der Welt“ sehr bewusst vorführt. Er und sein Kultusminister Ali Dschannati setzen verstärkt auf Kultur und Kunst, so meldet in einem dpa-Bericht Farshid Motahari. „‘Die Kunst kann als diplomatisches Mittel und auch im Dialog zwischen den verschiedenen Völkern eine wichtige Rolle spielen‘, sagte Dschannati. Daher sollten die iranischen Künstler im In- und Ausland aktiver werden, so der Minister, dessen liberale Ansichten besonders beim Klerus äußerst umstritten sind.“

Wir dürfen also die zwei Geschenke  Rohanis an den Vatikan als Zeichen für seinen schwierigen Weg zwischen Tradition (Teppich) und Fortschritt (Bildband) interpretieren. Nun ist das, was dem Papst da zugesteckt wird, etwas ganz Grässliches, etwas, das einen sofort zum Anikoniker machen könnte. Auch der Papst schaut ratlos, vielleicht düpiert, vielleicht entsetzt auf eine große Darstellung, die einer zweiten Himmelfahrt sehr ähnlich sieht und damit vielleicht eine Antwort auf den Perugino darstellt.

 

Auf jeden Fall wäre es die Himmelfahrt einer Frau, und damit dürfen wir wieder auf eine kleine polemische Spitze schließen. Es handelt sich aber um keine Himmelfahrt, bei diesem Künstler schwebt grundsätzlich alles, er ist der Chagall der iranischen Kunst und hat die Traditionen der persischen Miniaturmalerei auf New Age weichgespült. Der Mann heißt  Mahmoud Farshchian, er lebt wohl aus guten Gründen in den USA. Das Bild aber hat den Titel „Genesis“: Ist das Eva, die da wohlangezogen im Wirbel der Schöpfung ihre Frau schwebt?

Über den Kunstgeschmack Hassam Rohanis wissen wir nichts. Es ist aber nicht auszuschließen, dass dieses Bilderbuch ausgewählt wurde, weil es so megakitschig ist oder gerade gut genug für die ikonophilen Christen. Rohani ist führendes Mitglied der „Partei der kämpfenden Geistlichkeit“. Als kämpfender Geistlicher wurde er mit Sicherheit in der Waffengattung Bilderkrieg, Kampf mit Bildern und gegen Bilder, unterwiesen.

4 Kommentar(e)

  • Stefan Bartilla
    22.03.2016 12:01
    Fragwürdig

    "Nun ist das, was dem Papst da zugesteckt wird, etwas ganz Grässliches, etwas, das einen sofort zum Anikoniker machen könnte."
    "Megakitsch"
    Ist "Kitsch" ein kunsthistorischer Fachbegriff? Welche universellen Geschmacksgesetze berechtigen zu solch einer "wissenschaftlichen" Verurteilung? Schon mal Bourdieu gelesen?
    Die Kunst außerhalb des europäischen-amerikanischen Kulturbereichs folgt anderen Entwicklungen und entspricht oft nicht unserem kunsthistorischen Vorstellungen über "hohe" oder "schöne" Kunst.
    Und bevor man sich darüber auslässt, sollte man sich erst schlau machen, was dargestellt ist.
    Oder war das alles nur "witzig" gemeint?







  • Georg
    08.03.2016 07:32
    Eminenzen und Exzellenzen

    Vielen Dank für das genaue Hinschauen und die exzellente Analyse! Nur ein Detail, aber bei so präzisen Bildexegesen darf man pingelig sein: Der Kleriker auf dem zweiten Bild ist natürlich nicht der (es gibt nur einen) Kardinalstaatssekretär, sondern der Präfekt des päpstlichen Hauses, Erzbischof Georg Gänswein, quasi der Protokollchef des Papstes, gekleidet in bischöflichem Violett (und nicht im Rot der Kardinäle).

  • Martin
    07.03.2016 20:39
    Himmelfahrt einer Frau

    Und, was bitte schön, sollte daran gegenüber dem Papst "polemisch" sein? Schon mal was von Mariae Himmelfahrt gehört - eines der Hauptfeste der katholischen Kirche (15. August)??

  • AndreasP
    07.03.2016 19:56
    Kitschig?

    Ich finde, es verbietet sich, fremden Kulturen den eigenen Kitsch-Begriff aufzuerlegen.

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