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Was darf Satire?

Honoré Daumier (1808-1879), Ein Muttermörder, Le Charivari, 16.4.1850 (© Universitätsbibliothek Heidelberg)
Honoré Daumier (1808-1879), Ein Muttermörder, Le Charivari, 16.4.1850 (© Universitätsbibliothek Heidelberg)

Heiß war es und hitzig wurde diskutiert während des Thementages in der Staatsgalerie Stuttgart anlässlich der aktuellen Ausstellung „Karikatur – Presse – Freiheit“. In den gut klimatisierten und neu einzuweihenden Vortragsraum mussten weitere Stühle geholt werden, so groß war der Andrang am vergangenen Sonntag.

Nach Begrüßungen durch Prof. Dr. Christiane Lange, Leiterin der Staatsgalerie, und Nicolas Ebaylin, Französischer Generalkonsul, führte Prof. Dr. Reinhard Steiner von der Universität Stuttgart in den Thementag ein. Dabei skizzierte er grob die Geschichte der Karikatur in der Verzerrung von Gesichtern in satirischer Übertreibung, die ihre Anfänge bei Carracci, aber auch in mittelalterlichen Schandbildern zu finden sind. Der Mensch sei schon immer Zielscheibe der Satire gewesen, eine Demaskierung, die das Monster zum Vorschein bringe. Hinweise auf den feigen Anschlag auf die Redaktion des Charlie Hebdo in Paris blieben an diesem Tag erwartungsgemäß nicht aus, wurden aber auch nicht über Gebühr bemüht, gab es doch auch darüber hinaus genügend Diskussionsbedarf.

In ihrem Vortrag „Lachen über die Mächtigen. Karikaturen und die politische Kultur Frankreichs“ schilderte Prof. Dr. Annie Duprat von der Académie de Versailles die besondere Geschichte der französischen Karikatur, die seit dem 18. Jahrhundert Personen des öffentlichen Lebens und insbesondere Könige ins Visier genommen habe. Anhand einiger Beispiele veranschaulichte sie die Tradition der Personenverzerrungen, die Henri III. in einer allegorischen Darstellung als Mischwesen zeigten, dessen Spiegelbild Niccolò Machiavelli zeigt oder Louis XIV. unter einer muslimischen Haube, der die Fackel der Discordia trägt. Marie-Antoinette wird von Louis XVI. frisiert, der zuvor zu tief in die Flasche geschaut hatte, die aus seiner Manteltasche ragt. Und schließlich versucht 1831 König Louis-Philippe als Maurer die Parolen der Juli-Revolution auf einer Wand zu übertünchen. All diese Beispiele verweisen zwar auf die Lächerlichkeit der Personen, sind aber an sich nicht witzig. Die französische Karikatur lebt von der sprechenden Verzerrung in der Darstellung, von der Kombination einzelner Bildelemente, die auch ohne Worte auskommen musste. Sobald die Kommentare der Karikaturen zu lang wurden, unterlagen sie der Zensur – so jedenfalls in Zeiten des Absolutismus. Im 19. Jahrhundert gestaltete sich die Situation weit schwieriger. Trotz ausgesprochener Verbote gegen einzelne Karikaturen fanden diese Abnehmer und wurden gerade deshalb besonders gerne gekauft und gezeigt. Nach der Französischen Revolution entwickelte sich ein lukrativer Markt für – oft auch farbig gestaltete – Karikaturen. In der Ausstellung ist ein sehr prominentes Beispiel zu finden: Honoré Daumiers Weißwäscher durften offiziell nie erscheinen – und wurden dennoch verkauft.

Die Tradition der politischen Karikatur in Frankreich nahm mit der großen Revolution und den Edikten Robespierres eine entscheidende Wendung: Es waren nicht mehr nur die Herrschenden, die zur Zielscheibe des Spotts gerieten, sondern auch die Neureichen und Emporkömmlinge. Ebenso wagte die Karikatur den Blick über die eigenen Landesgrenzen hinaus. Eine wichtige Person wurde zu Lebzeiten verschont: Napoleon fand erst nach 1814 Eingang in die Karikatur!

In ihrem Vortrag kam Annie Duprat auch auf die Gegenwart zu sprechen, auf das Missverständnis, das wohl im Bilderstreit, dem Ikonoklasmus, zu suchen sei. Bilder sind Bilder und keine Ikonen. Es gebe keine gewalttätigen Bilder – die Gewalt geht von Menschen aus. Auch in der anschließenden Fragerunde unterstrich die Referentin, dass die Deklaration der Menschenrechte zwei Artikel enthalte, die in Nr. 10 (Gewissensfreiheit) und Nr. 11 (Meinungsfreiheit) die Presse, die Meinungsäußerung über die öffentliche Ordnung schütze. In Frankreich wurde 1881 das Pressegesetz erlassen und gilt in dieser Form bis heute. Es schütze Minderheiten und wende sich gegen Rassismus. Doch hat sich die Gesellschaft und vor allem die Medienwelt enorm weiterentwickelt und so ist zu überlegen, ob die Gesetzgebung der heutigen Situation noch standhält. So endete auch die Diskussionsrunde mit der eher rhetorisch gestellten Frage, ob die Karikatur durch die Globalisierung gefährdet sei, weil sie auch in anderen Kulturkreisen rezipiert und dort missverstanden werden kann. Anschläge wie die in Dänemark und Paris zeigten, dass diese Frage berechtigt ist, schließlich liegen die Wurzeln des Terrorismus in der Angst begründet.

Gleich im Anschluss an diesen einführenden Vortrag, der die richtige Basis für den weiteren Thementag bot, ging es in die Ausstellung vor die Originale. Im Dialog spielten sich PD Dr. Hans-Martin Kaulbach, Kurator der Ausstellung, und Dr. Hendrik Ziegler, Professor für Moderne und Zeitgenössische Kunstgeschichte der Université de Reims, gegenseitig die Bälle zu. Den Auftakt der Ausstellung bilden zwei Karikaturen Honoré Daumiers, die zu einem Verbot und einer gerichtlichen Verurteilung des Künstlers zu einer sechsmonatigen Haftstrafe zuzüglich einer Strafe in Höhe von 500 Francs geführt hatten, die er jedoch nicht antreten musste – zumindest nicht sofort. Erst nach Vorlage einer zweiten Karikatur, der Weißwäscher, saß Daumier seine Strafe ab. Anhand dieser beiden raren Blätter, die sich im Bestand der Staatsgalerie Stuttgart befinden und damit zu den „Highlights“ zählen, konnten die beiden Wissenschaftler herausarbeiten, weshalb diese Karikaturen von den Zensurbehörden richtig gelesen und deshalb auch verboten wurden. Sie stellten direkt und indirekt Majestätsbeleidigungen dar. Einmal indem König Louis-Philippe als gefräßiger Gargantua in seiner Person deutlich erkennbar ist und mit der Person des Königs immer auch der Staatskörper gemeint ist. Diese Beleidigung galt als Hochverrat und musste geahndet werden. Selbst wenn der König nicht im Bild ist, wie am Beispiel der Weißwäscher erläutert wurde, war er doch indirekt angesprochen über die Fahne der Tricolore, deren blaue und rote Farbe zu einem reinen Weiß der Royalisten gewaschen werden sollte.

Mit den neuen Pressegesetzen von 1835, die nach dem Attentat auf Louis-Philippe erlassen wurden, gab es faktisch keine freie politische Meinungsäußerung mehr. Eine Vorzensur wurde eingeführt, sofern in den Karikaturen eine Person dargestellt war, musste deren Einverständnis zur Publikation eingeholt werden – ein Umstand, dem sich kein Karikaturist, der provozieren möchte, stellen mag. Schon zuvor hatte die Stempelsteuer dazu geführt, dass viele Redaktionen am Rande des Ruins arbeiteten, liefen sie doch immer Gefahr, bereits produzierte Auflagen ihrer Zeitschriften komplett vernichten zu müssen, sofern sie von der Zensurbehörde nicht freigegeben wurden. Was den Tod der Karikatur und damit auch der Zeitschrift „La Caricature“ markierte, führte der Herausgeber Charles Philipon mit einem neuen und täglich erscheinenden Medium weiter. „Le Charivari“ bot als Ausweichmedium einen gewissen wirtschaftlichen Rückhalt, waren dort die Karikaturen nicht mehr direkt gegen Regierungsmitglieder ausgerichtet. Mit dem Blick auf die Auswirkungen der Politik auf die breite Bevölkerung konnten auch diese Karikaturen weiterhin brisant bleiben. Dies zeigt sich schon alleine darin, dass das Konzept des Charivari in England ab 1841 kopiert wurde in der ebenfalls populären aber keineswegs populistischen Zeitschrift „The Punch“. Zahlreiche Abonnements sicherten das Blatt finanziell ab, darüber hinaus wurde „Le Charivari“ auch in Cafés und Lesehallen von unzähligen Interessierten rezipiert und diskutiert.

Nachdem Louis Napoleon durch einen Staatsstreich 1851 die Macht übernommen hatte, waren strengste Restriktionen gegenüber der Presse eingesetzt worden. Nun galt es in Karikaturen, gänzlich auf die verzerrende Darstellung von Regierungsmitgliedern zu verzichten. Und Honoré Daumier erfand seinen „Ratapoil“. Davon dann demnächst mehr in einem weiteren Blogbeitrag.

Nach einer kleinen Erfrischung folgte eine Podiumsdiskussion zum Thema des Tages: Was darf Satire? Dazu nahm neben Prof. Dr. Hendrik Ziegler und PD Dr. Hans-Martin Kaulbach auch der deutsch-griechische Karikaturist Kostas Koufogiorgos auf den schwarzen Ledersesseln Platz. Die Moderation übernahm Steffen Egle, Leiter der Kunstvermittlung in der Staatsgalerie. Gut gerüstet mit dem Blick in die Vergangenheit dank des fundierten Vortrags und des Rundgangs durch die Ausstellung widmete sich die Runde der aktuellen Situation und konzentrierte sich dabei auf das Verhältnis von Religion und Karikatur, von Demokratieverständnis und Pressefreiheit. Ist in der Satire durch die Pressefreiheit alles erlaubt, oder gibt es nicht auch Grenzen, von wem sie auch immer gemacht werden?

Diesen Fragen muss sich ein heute arbeitender Karikaturist in seinem täglichen Geschäft stellen und so hob Koufogiorgos – unter lautem Beifall des Publikums – hervor, dass das Weitermachen in einem Rechtsstaat wichtig sei und man sich nicht einschüchtern lassen dürfe. Er selbst wurde wegen einer vorgeblichen Majestätsbeleidigung verbal heftig angegriffen auf einer allseits gut bekannten Web-Site eines sozialen Netzwerks. Der Blick auf die Karikatur – sie wurde via Beamer dem Publikum gezeigt – offenbarte eine Metamorphose der griechischen Fahne, die zunächst deutlich erkennbar in einer nächsten Stufe zu einem chaotischen Abstraktum und schließlich zu einem Fragezeichen mutierte. Koufogiorgos konstatierte, dass sich die Situation für Karikaturisten seit Januar deutlich verändert habe. Die Öffentlichkeit sei einerseits sensibilisiert für (vermeintlich) herabwürdigende Darstellungen, andererseits diene der Angriff auf die Redaktion von Charlie Hebdo auch als Vorbild und Drohkulisse. Rezipienten, oder jene, die meinen, sich über Karikaturen öffentlich – und oft genug anonym! – äußern zu müssen, würden aggressiver auftreten. Es gelte, sich nicht einschüchtern zu lassen und im Gegenzug die Möglichkeiten des Rechtsstaats auszuschöpfen.

Prof. Dr. Ziegler erkannte in diesen heftigen Reaktionen die Vitalität des Genres, räumte aber auch ein, dass nicht grundsätzlich alles erlaubt sei in der Satire. Die Verfassung stellt in ihrem ersten Artikel die Menschenwürde an oberste Stelle und die persönliche Ehrverletzung wie die Intimsphäre von Personen könne deshalb auch von der Satire nicht angetastet werden. Im Blick auf die besondere Situation in Frankreich hob Ziegler hervor, dass die von den Karikaturen ausgehende Polarisierung der Öffentlichkeit von einem klar erkennbaren Defizit der Integration und Bildungspolitik herrühre. In Frankreich leben etwa 12 Millionen Muslime, überwiegend in Banlieus, wo sich Ghettos und damit eine Parallelgesellschaft bildeten. In Deutschland sei das weniger gravierend, obwohl auch hierzulande Integrationsprobleme bestünden.

Auf das Konzept der Ausstellung angesprochen, das unmittelbar nach dem Pariser Anschlag entstand, hob der Kurator Dr. Hans-Martin Kaulbauch hervor, dass die Exponate eine Basis für eine weiterführende Debatte gedacht seien – quasi ein Blick zurück und nach vorn. Bewusst habe man darauf verzichtet, mit der Ausstellung religiöse Gefühle mit der Präsentation von Mohamedkarikaturen zu provozieren, und dies schon alleine aus Sicherheitsgründen. Französische Karikaturen des 19. Jahrhunderts seien per se nicht blasphemisch gewesen, hätten sich stets nur gegen das „Bodenpersonal“ gerichtet. Die Kirche konnte mit ihren Vertretern kritisiert werden, die religiösen Gefühle bleiben davon unberührt. Der Schwerpunkt der Ausstellung liegt ja – wie der Titel schon zeigt – in der Wahrung der freien Meinungsäußerung und diese ist, nicht zuletzt aus Un- oder Missverständnissen genügend gefährdet.

Daraus folgerten die Diskutanten, dass die Fanatiker das Problem seien, die versuchten, Religionen gegeneinander auszuspielen. Die religiös bestimmte Bilderfeindlichkeit hat im Christentum Tradition, wie Hendrik Ziegler kurz referierte. Die Verspottung Christi werde in der Ikonografie als Sujet voll anerkannt, zeige es in dieser Herabwürdigung der Person dessen Opferrolle. Auch der Spott über das Heilige sei – anders als im Islam – möglich, da über Jesus das Heilige menschlich geworden sei.

So kam die Diskussionsrunde zu dem Schluss, dass Satire (fast) alles darf, aber nicht alles kann. Das Unverständnis rühre aus der Person des Rezipienten, der seine eigene Betroffenheit auf den Produzenten der Karikatur abwälze, wenn er seine Persönlichkeit verletzt fühle. Gegen diese einfache Abwälzungsformel könne man gerade bei Fundamentalisten mit Argumenten wenig ausrichten. Die Schlagkraft einer Karikatur liege in ihrer Zusammenfassung komplexer Ideen, gewissermaßen ein Konzentrat, dessen einzelne Bestandteile in der Verkürzung unsichtbar bleiben. Dies setze ein gewisses Maß an Bildung voraus, Karikaturen auch „lesen“ zu können. So zeige die heftige und nicht fundierte Kritik an Satire die in der Gesellschaft bestehende Intoleranz und mangelnde Bildung. Ein Ansatz, an dem es sich lohnt, weiterzuarbeiten.

Nach etwa fünf Stunden anregender Auseinandersetzung wurden die verbliebenen Teilnehmer wieder in die Hitze Stuttgarts entlassen. Ein äußerst anregender Tag, in hochkarätiger Besetzung und vielen wertvollen Anregungen, hitzig und erfrischend zugleich, auch wenn – wie zu erwarten war – keine eindeutige Antwort auf die Frage „Was darf Satire“ zu finden war.

1 Kommentar(e)

  • Rainer Ostendorf
    02.02.2017 10:57
    Was darf Satire

    "Der große Mangel deutscher Köpfe besteht darin, daß sie für Ironie, Zynismus, Groteskes, Verachtung und Spott keinen Sinn haben." Otto Flake, Deutsch-Fanzösisches

    Schöne Grüsse aus der http://www.freidenker-galerie.de

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