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Hubertus Kohle07.03.201309:45 Uhr

Amazon-Bashing

Ich bin dabei

Wie darf ich eigentlich die folgende Meldung verstehen, die sich bei einer amazon-Recherche nach "Castells" und "Aufstieg" ergibt? (Ich habe nach Manuel Castells berühmtem Buch über den Aufstieg der Netzwerkgesellschaft gesucht)

Es handelt sich aber hier nicht um Castells Buch - wie man aus der anfänglichen Formulierung "In weniger als einer Minute können Sie mit dem Lesen von Manuel Castells 'Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft' auf Ihrem Kindle beginnen" schließen muss, sondern um eine im Zweifel einigermaßen obskure Seminararbeit, die hier vermarktet werden soll. Bei genauerem Hinsehen ist das natürlich zu erkennen, aber wer schon einmal ein kindle-Buch bestellt hat, weiß, wie wahsinnig bequem und schnell das geht, so dass hier bestimmt einige Interessierte zugegrifffen haben. Ich habe auch nicht den Eindruck, dass die Autorin hinreichend dafür gesorgt hat, dass das Missverständnis vermieden wird. Sauerei. Aber wie gesagt, in vielen Fällen sollte man sich sowieso überlegen, ob der Buchkauf beim netten Händler um die Ecke nicht vorzuziehen ist.

 

 

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  • 6 Kommentar(e)
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Katja Kwastek
07.03.2013 12:22 Uhr
also doch Verlage als Gatekeeper?

ich finde es vor allem interessant, wie diese Seminararbeit ihren Weg zu Amazon gefunden hat - offensichtlich dadurch, dass die Autorin das Angebot des GRIN-Verlages nutzt, kostenlos 'akademische Texte' zu veröffentlichen. Folgt man dem e-publishing Credo "Publish First - Filter Later", so wäre daran ja eigentlich nichts auszusetzen - wenn der Text obskur sein sollte (ich habe ihn nicht gelesen), könnten wir ihn ja online entsprechend bewerten und kommentieren. Letztlich wundert es mich nicht, dass der GRIN-Verlag, da kostenlos, offensichtlich keinerlei Redaktion auf die Texte anwendet, so dass der täuschende Titel (der eine Publikation von Castells selbst suggeriert) in seiner fehlerhaften Rechtschreibung (Triologie) einfach so durchgeht. Brauchen wir also doch weiterhin Verlage, die gewisse Qualitätsstandards sicherstellen, bevor (!) etwas als 'akademischer Text' veröffentlicht wird? Oder eben alternative open-access Plattformen mit Herausgebergremien, die Qualitätsstandards sichern?

Hubertus Kohle
07.03.2013 17:19 Uhr
Ich weiß nicht

Liebe Katja
bist du auf dem Rückzug?
:)
Es kann ja wohl nicht sein, dass der Verlag uns retten soll, wenn eben dieses obskure Angebot von einem Verlag kommt, nicht wahr?
Ich bleibe bei publish first - filter later. Die arme Frau Schließmann wird sich warm anziehen müssen, wenn der Fall erst mal bekannt wird. Nicht dass ich glaube, dass wir hier einen Skanadal inszenieren können, aber googles Suche hat schon vieles an den Tag gebracht!

Katja Kwastek
07.03.2013 19:45 Uhr
Amazon trifft hier keine Schuld

Lieber Hubertus, meine Einwände zielen auf etwas anderes ab und die Frage nach dem Bedarf an Verlagen war wirklich offen gemeint.

1.) Amazon trifft hier keine Schuld - sie versuchen einfach zu verkaufen, was Verlage ihnen liefern
2.) Auch Frau Schließmann ist wenig vorzuwerfen (formal - den Text habe ich wie gesagt nicht gelesen), außer dem Patzer mit der Triologie, der aber offensichtlich auch ihren Gutachtern nicht aufgefallen ist. Zugegeben, der Titel ist ungeschickt gewählt, aber sie kann ja letztendlich nichts dafür, dass Castells mit s endet und daher der Genitiv nicht eindeutig ist. Obskur ist, da stimme ich Dir absolut zu, der Verlag. Aber was will man bei einer kostenfreien Leistung erwarten? Der GRIN-Verlag veröffentlicht offensichtlich alles, was im weitesten Sinne als akademischer Text deklariert werden kann (also auch Seminararbeiten) und zwar offensichtlich ohne jegliche Redaktion. Dafür brauche ich wirklich keinen Verlag und kann auch gleich auf einem eigenen Blog publizieren oder ein pdf auf meiner Homepage hochladen.

WENN Verlage also überleben wollen, so müssen sie redaktionelle Leistungen bringen und dürfen dafür, finde ich, auch Geld verlangen, sei es, indem sie die Publikationen via Amazon oder wie auch immer verkaufen, oder indem sie das Geld von den Autoren nehmen/ einwerben lassen.

WENN wir lieber ohne Verlage auskommen wollen, müssen wir die redaktionellen Leistungen selbst übernehmen und uns entsprechend intelligente Systeme überlegen und Portale einrichten, wahrscheinlich eher mit einer Kombination aus allgemeineren Pre-Publishing Kriterien und inhaltsorientierter Post-Publishing Evaluierung. Ich finde zu diesem Thema wirklich Kathleen Fitzpatricks "Planned Obsolescence" äußerst lesenswert. Denn sie diskutiert ausführlich auch das Problem, dass solche redaktionellen Arbeiten/Reviewprozesse sehr aufwändig sind und zur Zeit im akademischen System weder finanziell noch anderweitig honoriert werden. Das Problem stellt sich offensichtlich im vollständig peer-review basierten UK/US-System noch viel stärker als bei uns.

Sabine Scherz
07.03.2013 19:04 Uhr
Wie kann ich Qualität feststellen?

Mindestens ein Buch der genannten Art hat leider bereits Einzug in die UB der LMU gefunden. Gerade habe ich mir "Social Intranet und Crowdsourcing. Innovative Methoden zur Ideengenerierung" (AVM-Verlag) von Ewelina Samonin geliehen. Die Beschreibung, die die UB für dieses Buch zur Verfügung stellt, bezieht sich nicht auf das Buch von Samonin (falscher Link). Anhand des Inhaltsverzeichnisses kann man nicht unbedingt auf die Qualität des Inhalts schließen. Also habe ich es bestellt.

Das 66 Seiten umfassende Büchlein beginnt mit der Widmung "In Liebe für meine Mutter" und kostet bei Amazon 39,90 Euro. Dort hat es meiner Ansicht nach eine völlig daneben liegende Beurteilung mit 5 Sternen.Mittlerweile habe ich im Internet nachgeschaut, welche Art von Büchern AVM verlegt und bin das nächste Mal gewarnt.

Das wesentlich aussagekräftigere Buch "Crowdsourcing. Innovationsmanagement mit Schwarmintelligenz" von Oliver Gassmann gibt es bei der UB nur in der Ausgabe von 2010. Da ich es in der neuesten Ausgabe von 2013 lesen wollte, habe ich es für 39,90 Euro bei Amazon gekauft.

Bei Amazon ist eine völlig überzogene Bewertung zum Buch von Samonin zu lesen, wohingegen die Beschreibung des Buchs bei der UB nicht zum Buch passt. Also wie soll ich mir ein Bild über die Qualität machen? Das ist auch anhand des Preises nicht möglich, der für beide Bücher gleich ist. Der Unterschied zum Buch von Gassmann bezüglich des Informationswerts und der Qualität könnte allerdings größer nicht sein.

Ich denke, ich werde wohl eine Bewertung bei Amazon abgeben müssen.

Hubertus Kohle
08.03.2013 10:44 Uhr
DA IST NATÜRLICH WAS DRAN

@KWASTEK @SCHERZ

In den meisten Punkten stimme ich zu. Das Problem mit vielen Verlagen ist eben heute nur, dass sie ihre qualitative gatekeeper-Funktion auch nicht mehr erfüllen, indem sie weitgehend auf jedes Lektorat verzichten. (In dem Zusammenhang rühme ich Werner Hülsbusch vom Verlag vhw, der mein demnächst erscheinendes Buch zur Digitalen Bildwissenschaft verlegt. Mit Lektorat. Preiswert. Gut) Insgesamt spricht eben alles für Open Access. Denn dann kann ich sehr schnell nachsehen, ob etwas tauglich ist oder nicht. Das Geschäftsmodell in dem angesprochenen Fall beruht in erster Linie wohl darauf, dass man erst einmal kaufen muss, bevor man merkt, was dahinter ist. Deswegen werden (siehe Kommentar Scherz) sicherlich auch immer mehr Bibliotheken Dinge kaufen, die sie sonst nicht genommen hätten.
Nicht einverstanden bin ich mit der Formulierung: Amazon trifft hier keine Schuld. Wenn amazon schreibt: "In weniger als einer Minute können Sie mit dem Lesen von Manuel Castells 'Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft' auf Ihrem Kindle beginnen'", dann ist das eine wie auch immer begründet eine Irreführung, die man dann eben z.B. durch einen eigenen Redaktionsprozess ausbügeln muss. Geld genug verdienen sie schließlich dort!

Sabine Scherz
08.03.2013 15:02 Uhr
UB Heidelberg verlinkt auf Amazon-Bücher

Hier ein Link auf den Artikel "Unmut über Heidi. Einige Universitätsbibliotheken verlinken ihre Onlinekataloge mit Amazon. Steckt dahinter ein fragwürdiges Geschäftsgebaren?" der ZEIT. Passt gerade zum Thema.

http://www.zeit.de/2013/10/Uni-Heidelberg-Bibliothek-Amazon

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